Die Madonna-Methode: Wieso und wie wir in anderen eigene Stärken erkennen und anerkennen können

von CHRISTIAN THIELE

„Wenn ich doch nur ein wenig mehr so wäre wie …“ – kennst du diesen Seufzer? Warum wir von Vorbildern lernen können, ohne uns zu verstellen….

In diesem Beitrag zeige ich dir, wie du mit der wunderbaren „Madonna-Methode“ von der wunderbaren Sabine Asgodom verborgene Potenziale in dir entdeckst und sie ganz konkret in deinem (Arbeits-)Alltag nutzbar machst.

Die Sehnsucht nach der dicken Scheibe

Diesen Wunsch, sich von anderen eine dicke Scheibe abzuschneiden – ich kenne ihn aus vielen Coachings. Und ehrlich gesagt kenne ich ihn auch von mir selbst (auch wenn ich das manchmal ungern zugebe). Viele kennen ihn. Wir blicken auf andere und denken: Wow, die hat sooo viel Mut. Der ist sooo schlagfertig. Die bleib sooo unglaublich gelassen.

Oft macht uns dieser Blick auf andere im ersten Moment klein. Wir sehen, was wir nicht haben.

Was aber tun, solange die gute Fee nicht vorbeikommt (und wenn, dann hoffentlich ohne Tranchiermesser)?

Wir können uns diese Sehnsucht zunutze machen. Und zwar mit einer sehr schönen Methode, die die Grande Dame des Coachings in Deutschland erfunden hat. Eine Frau, die schon Positive Psychologie predigte und machte, als noch kaum wer wusste, was das überhaupt ist: Sabine Asgodom. Ihre „Madonna-Methode“ (Asgodom, 2024) stelle ich dir hier vor.

(Hör-Tipp: Ein ausführliches Gespräch mit Sabine Asgodom findest du in meinem Podcast „Positiv führen“ – Folge 57, überall wo es Podcasts gibt oder direkt auf positiv-fuehren.com/spfy)

Das Prinzip: Wieso das wirkt

Warum ist es so wirkungsvoll, sich andere als Vorbilder zu nehmen? Ist das nicht Nachahmen? Nein, sagt die Forschung. Wenn wir Vorbilder smart nutzen, passiert psychologisch eine ganze Menge:

  1. Positive Transidentifikation: Der Psychoanalytiker James Grotstein (2005) beschreibt, wie wir innere Anteile auf andere projizieren und dort erleben, was wir in uns selbst (noch) nicht zulassen oder erkennen. Sein Konzept stammt aus dem klinischen Kontext – aber die Grundidee lässt sich auch auf (mehr oder weniger…) Gesunde übertragen: Wir glorifizieren an Vorbildern oft genau jene Qualitäten, die auch in uns angelegt sind. Die Madonna-Methode hilft, diese Stärken bewusst auf uns selbst zurückzuübertragen.
  2. Modelllernen baut Selbstwirksamkeit auf: Albert Bandura (1997) hat gezeigt, dass wir durch das Beobachten von Vorbildern (vicarious experiences) den Glauben an unsere eigenen Fähigkeiten stärken. Wenn wir sehen, wie unser VOR-Bild eine Hürde meistert, können wir das NACH-bilden, im Sinne von: Das könnte ich eigentlich auch.
  3. Vorbilder als Navigationssystem: Laut Morgenroth, Ryan und Peters (2015) motivieren uns Vorbilder nicht bloß, sie zeigen uns auch konkrete Strategien auf. Sie machen abstrakte Ziele fundiert und fassbar.
  4. Provisorische Identitäten: Die Organisationspsychologin Herminia Ibarra (1999) fand heraus, dass wir in neuen Rollen (etwa als Führungskraft) oft sogenannte „provisional selves“ bilden – provisorische Identitäten. Wir probieren Verhaltensweisen von Vorbildern an wie Kleidungsstücke, bis wir unseren eigenen Stil finden.
  5. Stärken-Spotting: Wenn wir lernen, Stärken in anderen präzise zu benennen, schärfen wir laut Alex Linley (2008) auch das Vokabular für unsere eigenen Ressourcen. Wir entwickeln einen Blick für das, was gut funktioniert.

Kurz: Der innere Projektor ist eigentlich ein Spiegel. Kloppos Schlagfertigkeit, Madonnas Mut oder die Klarheit deiner Lieblingskollegin sind nicht bloß Eigenschaften deines Idols. Du hast einiges davon bereits in dir. Sie warten quasi darauf, noch mutiger und authentischer gelebt zu werden.

In 3 Schritten zur eigenen Stärke

Wie kannst du konkret von Kloppo, Madonna, Barrack Obama oder wem auch immer lernen? Hier sind drei Schritte für deinen Alltag:

1. Idol identifizieren und Stärken spotten

Wen bewunderst du? Das kann Madonna sein, Malaika Mihambo, Jürgen Klopp oder – alles ist möglich – Olaf Scholz. Eine Figur aus einem Roman oder einem Film. Oder die großartige Lateinlehrerin von damals. Schreibe dir den Namen auf. Und dann forsche nach: Was genau gefällt dir an diesem Menschen? Was macht sie/er für andere möglich/leichter etc.? Welche Scheibe(n) würdest du dir gern abschneiden? Notiere alle positiven Eigenschaften. Lese dir diese Liste danach laut vor und gib den Stärken Raum.

2. Den Spiegel umdrehen

Frage dich ganz ehrlich: Wo in meinem Leben – im Job, in der Familie, im Verein – zeige ich diese Eigenschaften eigentlich schon? Vielleicht nicht auf der großen Weltbühne, aber im Kleinen? Erkenne an, dass du diese Qualitäten bereits in dir trägst. (Sabine Asgodom empfiehlt, diese Lobeslitanei – Madonna ist…, Madonna kann… Madonna tut… – einfach copy-paste durch „Ich“ zu ersetzen, also: Ich bin…, Ich kann…, Ich tue… Try it!)

3. Mini-Experimente im Alltag wagen

Werde konkret und konstruktiv: Bei welchen Gelegenheiten, in welchen Situationen und mit wem willst du diese Stärken künftig bewusster ausleben? Setze dir Termine im Kalender (nach einer Woche, einem Monat, einem Jahrzehnt…), um zu prüfen, was du schon umsetzen konntest.

Und jetzt: Stärken stärker stärken – und Stärkenstärker stärker stärken!

Du willst das Thema Stärken und Positive Leadership vertiefen? Für dich und dein (Leadership)-Team? In meinen Keynotes und Workshops bringe ich Forschung und Praxis zusammen – fundiert, konkret und mit einer Prise Humor (finden fast alle außer meinen Kindern, aber die sind Teenies, und meine Frau lächelt zumindest müde). Buchbar über die ECON Referenten-Agentur.

Und wenn du lieber in deinem eigenen Tempo lernst: Auf meinem Trainerprofil bei Linkedin-Learning findest du meine Audiokurse rund um Positive Leadership, Stärkenorientierung und wirksame Führung – kompakt, wissenschaftlich fundiert und direkt umsetzbar.

Viel Gaudi und Gelingen dabei!

PS: Du machst, ihr macht, Sie machen das gut!

Literatur

Asgodom, S. (2024). So coache ich. Kösel-Verlag.

Bandura, A. (1997). Self-efficacy: The exercise of control. W. H. Freeman.

Grotstein, J. S. (2005). ‚Projective transidentification‘: An extension of the concept of projective identification. The International Journal of Psychoanalysis, 86(4), 1051–1069.

Ibarra, H. (1999). Provisional selves: Experimenting with image and identity in professional adaptation. Administrative Science Quarterly, 44(4), 764–791.

Linley, P. A. (2008). Average to A+: Realising strengths in yourself and others. CAPP Press.

Morgenroth, T., Ryan, M. K., & Peters, K. (2015). The motivational theory of role modeling: How role models influence role aspirants‘ goals. Review of General Psychology, 19(4), 465–483.

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Christian Thiele

ÜBER DEN AUTOR

Mehr Leistung, Freude, Gesundheit und Sinn, mit den Methoden der Positive Leadership: Darum geht es mir in meiner Arbeit als Coach, Trainer, Teamentwickler und Vortragsredner. Für Führungskräfte, Teams und Organisationen. Verliebt, verlobt und bald verheiratet mit Christiane. Vater. Skitourengeher.

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