Stärken-Teamworkshop: Wie Teams ihre Stärken gemeinsam entdecken und wirklich nutzen
Ein Würfel. Sechs Aufgaben. Und plötzlich weißt du, was deine Kollegin wirklich gut kann und was ihr manchmal auf den Zeiger geht. Stärken-Teamworkshops können mehr, als die meisten erwarten.
Was du in diesem Beitrag lernst: Was ein Stärken-Teamworkshop ist, warum er wirkt, wie du ihn sofort ausprobieren kannst und was dabei schiefgehen kann (oder darf).
Ein Meeting-Raum. Oder ein Zoom-Call. Einer sagt: „Wir spielen jetzt eine kurze Aktivität.“ Die Hälfte der Anwesenden denkt insgeheim: Bitte nicht (schon wieder)! Die andere Hälfte denkt: Endlich!
Kennst du? Ich kenn’s…
Und dann passiert etwas Seltsames. Nach zwanzig Minuten mit einem Würfel, analog oder digital, weißt du, dass deine Kollegin Marta eine Stärke hat, die dir bisher völlig entgangen ist. Und dass dein Kollege Thomas nicht bloß gut im Analysieren ist, sondern auch leidenschaftlicher Boulderer – wie du. Vielleicht sogar: Du hörst zum ersten Mal, was jemanden stolz macht in der Firma.
Klingt banal?
Was ist ein Stärken-Teamworkshop und warum ist er nicht dasselbe wie Teamentwicklung von der Stange?
Ein Stärken-Teamworkshop ist mehr und anderes als ein Teambuilding-Event. Es ist ein strukturierter Ansatz, bei dem Teammitglieder ihre individuellen Stärken, zum Beispiel auf Basis des VIA Character Strengths-Inventars oder mit dem CLYOScope, bewusst erkennen, benennen, anerkennen und in die gemeinsame Arbeit einbringen können.
Die Grundidee: Teams, in denen Stärken sichtbar und nutzbar sind, zeigen nachweislich höheres Engagement, bessere Zusammenarbeit und mehr psychologische Sicherheit.
Was sagt die Forschung dazu?
Untersuchungen zeigen, dass der Einsatz von Charakterstärken im Arbeitskontext mit höherem Wohlbefinden, niedrigerem Stresserleben und stärkerer Arbeitszufriedenheit zusammenhängt (Harzer & Ruch, 2013). Und: Wenn Menschen ihre Stärken täglich einsetzen können, sind sie produktiver und fühlen sich dem Team verbundener (Linley et al., 2010).
Aber der Schritt vom individuellen Stärken-Wissen zum echten Stärken-Teaming klappt nicht von selbst, passiert nicht einfach so. Er braucht Struktur. Und für mich: Würfel.
Do try this at home: Der Stärken-Teamworkshop zum Selbermachen
Whelan-Berry und Papierski (2024) haben auf der 11. Europäischen Konferenz für Positive Psychologie in Innsbruck einen konkreten Ansatz vorgestellt, der mich sehr begeistert hat und genau das leistet: eine einfache, spielerische Aktivität für Führungsteams, HR-Workshops oder Team-Breakouts, die Teams dabei hilft, Stärken miteinander zu teilen und dabei gleichzeitig echte Verbindungen herzustellen. Hier meine Variante, die ich sowohl in Train-the-Trainer-Seminaren als auch in Events mit (Führungs-)Teams gerne nutze:
Was du brauchst: Einen (Online-)Würfel, bis zu sechs Personen pro Team.
Wie es läuft: Jede Person würfelt reihum. Je nach gewürfelter Zahl führt sie eine von sechs Aufgaben durch. Dann weiter zur nächsten Person im Uhrzeigersinn. Jede Person würfelt mindestens zweimal. Das Spiel endet, wenn alle sechs Aktivitäten mindestens einmal vorgekommen sind oder bis einer heult bis der Trainer/die Trainerin das Spiel beendet.
Die sechs Aufgaben:
- Bewegung: Wenn möglich, dreimal aufstehen und hinsetzen. Alternativ: Arme heben und senken. (Sitzen ist das neue Rauchen…)
- Gemeinsames Interesse: Finde mit der Person zu deiner Linken ein gemeinsames Interesse.
- Stärke teilen: Erzähle der Gruppe von einer deiner Stärken, zum Beispiel aus dem VIA-Inventar oder aus dem CLYOScope, und wie du sie konkret nutzt.
- Stolz und Freude: Worauf bist du in letzter Zeit stolz? Was macht dich froh? Job oder (wenn dir gar nichts einfällt:) privat! Teile es. Und vervielfache es damit…
- Gemeinsame Freude: Finde mit der Person gegenüber eine Aktivität, ein Hobby, die euch beiden Freude macht. Bei mir sind das eher Winteraktivitäten, Sommer ist aber prinzipiell auch möglich und erlaubt 😉
- Stärken im Übermaß: Welche deiner Stärken gehen dir oder anderen manchmal auf die Nerven?
(Natürlich lassen sich die Aufgaben auch variieren und an den jeweiligen Kontext bzw. deine Pappenheimer anpassen.)
Warum Aufgabe 6 die wichtigste und spannendste im Stärken-Teamworkshop sein könnte
Aufgabe 6 verdient einen eigenen Absatz. Denn sie macht etwas sichtbar, das ich sehr problematisch finde: Jetzt haben wir gerade gelernt, dass Stärken positive Eigenschaften sind. Und dann, das ist das Overuse-Postulat, reißen wir mit dem – pardon: Arsch wieder ein, was wir gerade mit den Händen aufgebaut haben. „Jede Stärke kann, zu stark eingesetzt oder im falschen Kontext, zur Schwäche werden.“ Das behaupten und verstehen viele: Wer sehr neugierig ist, fragt manchmal zu viel und verlangsamt Entscheidungsprozesse. Wer sehr teamorientiert ist, meidet Konflikte, die notwendig wären. Wer sehr viel Humor hat, wirkt vielleicht schnell verletzend, oberflächlich etc.
Wie gesagt, die Forschung nennt das Strength Overuse (z.B. Biswas-Diener et al., 2011).
Ich aber finde: Wir sind da auf dem Holzweg! Denn der eigentliche Wert von Stärken, wenn ich das Thema ernst nehme, ist: Dass sie immer besonders, wertvoll und nie alleine sind. Wer also den anderen mit seiner Gründlichkeit auf die Nerven geht – sollte vielleicht lieber den Pragmatismus etwas raufdrehen. Wer andere schnell mit dem Humor verletzt, kann mal an ihrer oder seiner Empathie arbeiten. Denn Stärken sind
- ja, stabil
- aber ja, auch entwickelbar.
Mag vielleicht wie eine Petitesse wirken, ist für mich aber ein wichtiges Detail in der Arbeit mit Einzelnen und Teams. Wer dazu den Forschungsdiskurs nachverfolgen will: Stahlmann & Ruch haben u.a. dazu ein spannendes Paper (2024) geschrieben. (Und mit Dr. Alexander Stahlmann habe ich dazu vor kurzem eine Podcstfolge gemacht: Hören, Abonnieren, Kommentieren, Teilen unter positiv-fuehren.com/spfy)
Wenn Teams über ihre Stärken und deren Unterschiedlichkeit und Komplementarität sprechen dürfen, gern gepromptet durch einen Würfelwurf, senkt das die Hemmschwelle erheblich. Und schafft auch jene Art von psychologischer Sicherheit, die Amy Edmondson (1999) als Erfolgsfaktor für lernende, innovative Hochleistungs-Teams beschrieben hat.
Reflexion: Was nach dem Stärken-Teamworkshop zählt
Das Würfeln ist der Einstieg. Die eigentliche Arbeit kommt danach. Vier Fragen stelle ich da gerne:
- Wie hast du die Aktivität erlebt? (Nicht: Was hast du gelernt? Sondern: Wie war es?)
- Welche Stärken sind dir aufgefallen, an dir, an anderen?
- Hast du bestimmte Stärken eher gegeben und andere eher empfangen?
- Wie erlebst du das Team jetzt, nach der Aktivität?
Diese Fragen klingen einfach, haben es aber oft in sich. Die letzte Frage besonders: Sie macht den Unterschied zwischen einem netten Ice Breaker und einer echten Teamentwicklungsintervention sichtbar.
3 häufige Fragen zum Stärken-Teamworkshop (FAQ)
Was genau passiert in einem Stärken-Teamworkshop?
Ein Stärken-Teamworkshop schafft einen strukturierten Rahmen, in dem Teammitglieder ihre individuellen Stärken, z.B. auf Basis des VIA-Inventars oder des CLYOScope oder des CLIFTONStrengths, sichtbar machen, teilen und gemeinsam reflektieren. Das Ziel: Stärken nicht nur zu kennen, sondern sie aktiv in die Teamarbeit einzubringen.
Für wen eignet sich ein Stärken-Teamworkshop?
Für Führungsteams, die ihre Zusammenarbeit vertiefen wollen. Für HR-Verantwortliche, die Teamentwicklung mit wissenschaftlicher Basis gestalten möchten. Für Projektteams am Anfang eines neuen Vorhabens. Und für alle, die Teamentwicklung nicht als Feuerwehr- oder Pflichtübung, sondern als Investition und Entwicklungsmaßnahme verstehen.
Wie lange dauert ein Stärken-Teamworkshop?
Die hier beschriebene Würfel-Aktivität dauert ca. 20 bis 30 Minuten und eignet sich als Energizer, Kick-off oder Einstieg in einen längeren Workshop. Als vollständiges Format mit Stärken-Diagnose, Aktivität und vertiefter Reflexion sind mindestens vier Stunden möglich, ein oder anderthalb Tage besser. Geht remote wie in Präsenz.
Braucht man ein Stärken-Inventar wie VIA für den Workshop?
Nicht zwingend. Die Aktivität funktioniert auch ohne vorherige Diagnose. Wer das VIA-Inventar kennt, hat noch mehr Vokabular für die positiven Qualitäten. Wer es nicht kennt: guter Anlass, es kennenzulernen. (Kostenlos z.B. unter positiv-fuehren.com/via, nur Registrierung ist nötig)
Was danach kommt: drei konkrete Impulse für Führung und HR
Stärken-Teaming ist kein einmaliges Event. Es ist ein Anfang. Drei Schritte, die den Unterschied machen können:
1. Stärken aktiv einbringen. Nicht warten, bis jemand fragt. Sondern bewusst überlegen: Welche meiner Stärken ist gerade gefragt? Und sie dann auch benennen, für andere sichtbar machen. Für Führungskräfte gilt das doppelt: Wer die eigenen Stärken kennt, benennt und anerkennt, gibt Orientierung und Bestärkung.
2. Stärken bei anderen erkennen und würdigen. Vielleicht der unterschätzteste Schritt, gerade im HR-Kontext. Wer Stärken bei anderen wahrnimmt und dies öffentlich ausspricht (z.B. bei der Zusammenstellung von Projektteams, bei der Delegation von Aufgaben etc., stärkt nicht bloß das Individuum, sondern das Team als Ganzes. Studien zeigen, dass positives Feedback zu Stärken die Selbstwirksamkeit und das Engagement steigert (sehr lesbar hierzu etwa Rath, 2007).
3. Andere ermutigen, Stärken einzusetzen. Eine Führungskultur, in der Stärken willkommen sind, entsteht nicht durch ein Leitbild. Sie entsteht durch ständige kleine Signale – genau solche, wie sie in einem guten Stärken-Teamworkshop geübt werden.
Happy Teaming!
Möchtest du das vertiefen?
Stärken-Teamworkshop oder -Keynote buchen: Für deinen Kick-Off, dein Führungskräfte-Offsite, deinen Team-Breakout oder dein HR-Format, ich bringe Stärken-Teaming gern als Impuls oder als begleitetes Workshop-Format mit. Hier anfragen.
Clyos-Coaching: Wenn du deine eigenen Stärken präziser kennenlernen möchtest, arbeite ich in Einzelcoachings gern mit dem CLYOScope, ein Instrument, das Stärken, Werte und Entwicklungsfelder sichtbar macht. Hier mehr erfahren.
Newsletter: Circa dreimal im Monat schreibe ich über Positive Führung, Stärken und Teamdynamik, so evidenzbasiert wie nötig, so praxisnah wie möglich. Hier kostenlos eintragen. (SPAM-Ordner checken).
Bücher: Egal ob es um AI-Leadership, Job Crafting, Mitarbeitergespräche oder Positive Leadership insgesamt geht – in meinen Büchern findest du viel an Wissen und praktischen Tools zu Stärkenorientierung.
Quellen
- Biswas-Diener, R., Kashdan, T. B., & Minhas, G. (2011). A dynamic approach to psychological strength development and intervention. The Journal of Positive Psychology, 6(2), 106-118. https://doi.org/10.1080/17439760.2010.545429
- Edmondson, A. (1999). Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350-383. https://doi.org/10.2307/2666999
- Harzer, C., & Ruch, W. (2013). The application of signature character strengths and positive experiences at work. Journal of Happiness Studies, 14(3), 965-983. https://doi.org/10.1007/s10902-012-9364-0
- Linley, P. A., Woolston, L., & Biswas-Diener, R. (2010). Strengths coaching with leaders. International Coaching Psychology Review, 5(1), 37-51.
- Rath, T. (2007). StrengthsFinder 2.0. Gallup Press.
- Ruch, W., & Stahlmann, A. G. (2024). Ten dos and don’ts of Character Strengths Research. International Journal of Applied Positive Psychology, 9(3), 1-35.
- Whelan-Berry, K., & Papierski, P. (2024, July 12). Enhancing team dynamics and performance through VIA strengths teaming approach [Conference presentation]. 11th European Conference on Positive Psychology, Innsbruck, Austria. https://www.ecpp2024.com/conference-shedule/
P.S.: Du machst, ihr macht, Sie machen das gut!

