Flow, Fokus und Engagement stärken – Serie „Mehr Glück im Job, gerade jetzt“, Teil 2

CHRISTIAN THIELE

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5.000.000, nochmal ausgeschrieben: fünf Millionen! Mindestens so viele Arbeitnehmer in Deutschland, rund 14 Prozent der Beschäftigten, fühlen sich nicht emotional an ihr Unternehmen gebunden. Haben innerlich gekündigt, machen Dienst nach Vorschrift, fahren das Minimalprogramm. Das ist das Ergebnis des aktuellen Gallup-Engagement-Index.

Hauptverantwortlicher dabei: die Führungskraft. Sie als Chefin oder Chef können mit mehr Stärkenorientierung, mehr Fokus die Motivation und das Engagement Ihrer Mitarbeiter enorm steigern. Auch und gerade in Zeiten der Corona-Krise. Wie, dazu gibt es hier 7 Tipps.

In der Serie „Mehr Glück im Job“ will ich Führungskräften Tipps aus der Positiven Leadership an die Hand geben. Für mehr Leistungsfähigkeit, Miteinander, Sinnerleben und Freude, in der Arbeit und im Leben. Für Sie selbst, Ihre Mitarbeiter, Ihre Organisation. Auf wissenschaftlicher Grundlage – und doch ganz alltagspraktisch. Ich orientiere mich dabei am PERMA-Modell von Martin Seligman, dem Begründer der Positiven Psychologie. In Folge 1 ging es um das Kultivieren positiver Emotionen. Jetzt im Fokus: Säule 2 von PERMA, das Engagement.

Christian Thiele | positiv-fuehren.com

Flow fördern

Eine Kletterin, die eine extrem anspruchsvolle Tour in einer Tapetenglatten Wand hinaufklettert, Tritt um Tritt, Griff für Griff; ein Musiker, der sich durch – sagen wir – die Cello-Suiten von Johann Sebastian Bach arbeitet, Note für Note, Takt für Takt: Das sind Beispiele für Flow, für das Aufgehen in Zeit und Raum, für das Einswerden mit der Aufgabe. Doch das geht nicht nur beim Klettern oder Bachspiel, es geht auch in der Arbeit. Nämlich dann, wenn uns eine Aufgabe einerseits fordert, in Anspruch nimmt – und wenn wir andererseits die nötigen Kompetenzen und Fähigkeiten dazu haben. Der Ungar mit dem unschreibbaren und noch viel unaussprechlicheren Namen Mihaly Csikszentmihalyi (mir sagte man, es würde als „Tschik-sent-MI-hali“ ausgesprochen und betont) hat das Konzept erfunden, in seinem Buch „Flow“ darüber geschrieben und in diversen Videos erklärt. Flow ist einer der wichtigsten und wirksamsten Wege zu mehr Engagement und Zufriedenheit in Arbeit und Leben – und Sie als Führungskraft können dazu viel beitragen, dass Ihre Mitarbeiter immer wieder Flow erleben.

* Sorgen Sie dafür, dass Ihre Mitarbeiter die Tools, die Geräte und die Kompetenzen haben, die sie für gute Arbeit brauchen. Für die eine kann das ein neuer Laptop bedeuten, für den anderen eine Schulung etc. Ich kenne Führungskräfte, die ihren Mitarbeitern gerade jetzt Webinare und Online-Schulung spendieren.

* Müssen Ihre Mitarbeiter wirklich alle von Montags 9 bis Freitags 17 Uhr arbeiten? Oder gäbe es nicht gerade jetzt die Chance, viel flexiblere Arbeitszeitregime einzuführen, mehr Autonomie in Richtung work anywhere, work anytime zu ermöglichen? Manche Chefs überlassen es ihren Mitarbeitern jetzt weitgehend selbst, ob sie von 7 bis 10 und dann nochmals am Abend arbeiten oder sieben Tage am Stück und dann vier Tage frei oder oder oder.

* Priorisieren – und Posteriorisieren Sie! Machen Sie sich selbst und Ihren Mitarbeitern klar, worauf es jetzt ankommt, was jetzt wichtig ist. Und was in diesen Zeiten nach hinten rutschen kann. Das kann echte Freiräume und Produktivitätsgewinne schaffen! Ich kenne ein großes Customer Support Team, das seit Beginn des Corona-Lockdowns von 20 Prozent mehr gelösten Fällen pro Woche pro Kundenberater berichtet!

* Flow wird auch durch Erreichbarkeitspausen und Schonzeiten ermöglicht. Die Mitarbeiter der Anwaltskanzlei, die an drei Tagen die Woche zwei Stunden sämtliche Calls auf den Anrufbeantworter umleiten dürfen, um in jener Zeit Akten zu bearbeiten; Agenturen, die an drei Tagen die Woche sämtliche Mailserver zwischen 11 und 13 Uhr auf Pause stellen; „Bitte nicht stören“-Flaggen im firmeninternen Chat: All das sind Beispiele für Flow durch Strategische Stille in ablenkungsfreien Fokus-Zeiten. Cal Newport von der Georgetown University hat dafür den Begriff von Deep Work geprägt: Deep Work: Rules for Focused Success in a Distracted World Vielleicht passt davon ja etwas für Ihre Organisation.

* Ich kenne Chefs und Organisationen, die Home Office nur unter der Bedingung einführen, dass die Arbeit der Mitarbeiter permament getrackt wird. Zwar kann ich verstehen, wie groß die Umstellung für Führende und Geführte von einer Präsenz-Kultur zu Arbeit per Remote ist, das ist echte Disruption. Arbeit stündlich oder minütlich zu erfassen, ist aber eine starke Geste des Misstrauens, zumal damit ja auch nur die Quantität und nicht die Qualität der Arbeit erfasst wird. Werfen Sie also Ihr Herz über die Hürde und wagen Sie Vertrauenskultur, verzichten Sie auf Arbeitszeitnachweise, zumindest probeweise. Vielleicht zahlt es sich ja sogar aus!?

* Weitere Tipps zu effektiver und effizienter Führung virtueller Zusammenarbeit habe ich hier zusammengetragen.

Christian Thiele | positiv-fuehren.com

Inneren Fokus finden und halten

Achtsamkeit? Meditation? Zu viele denken noch an kahlgeschorene Mönche und Räucherstäbchen, wenn sie diese Worte hören. An den Softwareriesen SAP, Google, BASF und VW-Zulieferer denken dabei immer noch zu wenige. Dabei gibt es inzwischen etliche Unternehmen, internationale und deutsche, Großkonzerne und Mittelständler, die Programme für Meditation und Achtsamkeit ins Leben gerufen haben. Für Mitarbeiter und vor allem für Führungskräfte.

Was damit gemeint ist

„Auf eine bestimmte Weise aufmerksam sein: bewusst, im gegenwärtigen Augenblick und ohne zu urteilen“: So definiert John Kabat-Zinn Achtsamkeit. Aus meiner Sicht ist Meditation ein Upgrade für unser Betriebssystem, eine Schärfung der kognitiven und emotionalen Wahrnehmung, eine Geistesschulung, um das Hier und Jetzt mit maximaler Aufmerksamkeit in Besitz nehmen zu können, quasi in höchstauflösender HD-Qualität.

Was es bringt

Mehr Ruhe, mehr Kreativität, mehr Zufriedenheit, mehr Verständnis für meine Mitarbeiter, mehr Erfüllung in Familie und Partnerschaft: Das sind die Ergebnisse, die mir Führungskräfte berichten, wenn ich ihnen Meditations- oder Achtsamkeitsübungen in Stressmanagement-Seminaren oder Coachings vorstelle und sie dann eine Weile später wiedersehe. Golbie Kamarei hat im Hauptquartier der Vermögensverwaltung Black Rock auf der Wall Street Selbstmanagementtechniken wie die Meditation eingeführt – bis aus dem zweiwöchentlichen Lunchtreff für ein paar freakige New Yorker ein Event wurde, in das sich regelmäßig 1500 Black Rockler aus aller Welt per Videocall oder Telefon einwählten.

Unter den Teilnehmern verschickte sie einen Fragebogen, der unter anderem ergab, dass:

  • 77 Prozent sich gesünder fühlten
  • 82 Prozent zufriedener mit ihrer Arbeit waren
  • 83 Prozent erfülltere Beziehungen lebten
  • 84 Prozent sich produktiver fühlten
  • 85 Prozent sich als fokussierter, entscheidungsstärker empfanden
  • 90 Prozent von einem besseren Zeit- und Energiemanagement berichteten
  • 90 Prozent danach konstruktiver mit Stress umgehen konnten

Studien an US-Marineinfantristen haben ergeben, dass meditationsgeschulte Vorgesetzte als erfolgreicher und netter eingeschätzt wurden. Außerdem wiesen Achtsamkeitstraininerte Soldaten niedrigere Stresswerte im Blut auf. Eine Übersicht zu weiteren Studien über die Effekte von Meditations- und Achtsamkeitsstraining findet sich hier.

Wie fördern

Chade-Meng Tan hat bei Google die Personalnummer 107, er ist Ingenieur – und hat als erster Mensch in der Unternehmensgeschichte von einer Ingenieursstelle in der Technik-Abteilung in den Personalbereich gewechselt. Weil er ein Programm für mehr Achtsamkeit und Meditation propagieren und in das Unternehmen tragen wollte. Das Programm mit dem Namen „Search Inside yourself“ hat schnell die Grenzen von Google gesprengt und ist zu einem globalen Hype geworden – genauso wie sein gleichnamiges, äußerst lesenswertes Buch.

Er sagt, so etwas wie schlechte Meditation gebe es gar nicht, ein einziger bewusster Atemzug am Tag zählt für ihn schon als Meditation. In seinem Buch schlägt Chade-Meng Tan Meditationsübungen im Stehen, Gehen, Sitzen oder Liegen vor. Es gibt Meditationen in Ruhe und in Aktivität, man kann auf sich selbst oder auf die anderen fokussieren.

  • Eine Fokus-Übung nach John Kabat-Zinn habe ich hier beschrieben - die kann man alleine oder mit anderen machen.
  • Eine Alternative dazu: der Body Scan. Ihn habe ich hier vorgestellt.
  • Auf Headspace schwört der eine, auf Calm der andere, der nächste nutzt simple Habits und der übernächste ganz was anderes: Es gibt etliche Apps und Programme für Meditation und Achtsamkeit auf dem Markt. Vielleicht testen Sie ja zwei, drei unterschiedliche oder lassen diese von Ihren Mitarbeitern testen - und schließen gleich ein Firmenkonto ab oder verschenken Gutscheine an Ihr Team?
  • Achtsamkeitsübungen muss nicht jeder für sich machen. Führungskräfte beim Meditationspionier SAP etwa starten inzwischen viele Meetings mit einer stillen Meditation oder einfach einem Moment strategischer Stille - vielleicht ist ja das auch etwas für Sie?

Stärken sehen, benennen, fördern

„Stärken nutzbar zu machen ist der einzige Zweck einer Organisation. Damit werden unsere Schwächen, mit denen wir alle reichlich gesegnet sind, zwar nicht verschwinden – aber zunehmend irrelevant.“
Peter Drucker

So ähnlich hat Peter Drucker das formuliert, es ist so etwas wie mein Wahlspruch. Was Stärken sind, welchen Nutzen sie haben und wie wir sie stärken können, für uns und andere, darüber habe ich in letzter Zeit viel geschrieben und gepodcastet.  

Hier nun ein paar Tipps spezifisch dazu, wie wir Stärken in Zeiten von Stress und Krise fördern und nützen können. Denn Sie, Ihre Organisation und die Welt können Stärken jetzt gut gebrauchen – die eigenen und die der anderen:

* Trigema macht jetzt Atemmasken, McDonalds lässt seine Mitarbeiter bei Aldi an der Kasse aushelfen, Porsche baut nun Atemgeräte: All das sind wunderbare Beispiele für Stärkennutzung in der Corona-Krise. Beispiele für Mut, Improvisationstalent, Neugier und welche Label auch immer Sie dafür finden mögen. Gibt es auch in Ihrer Organisation solche Beispiele, vielleicht auch auf den ersten Blick unspektakulärere? Schauen Sie mit einer Stärkenbrille auf das, was Sie und Ihre Mitarbeiter gerade leisten. Bedanken Sie sich dafür! Spenden Sie Lob, verbreiten Sie Lob weiter!

* Auch die vermeintlich stillen Stärken wie Gelassenheit, Zuversicht, Analysefähigkeit etc. können große Dienste leisten, häufig eher im Hintergrund. Halten Sie auch und besonders nach diesen Ausschau und spenden Sie Lob und Dankbarkeit!

* Vielleicht ist die Corona-Krise eine wunderbare Gelegenheit, selbst mehr von den Dingen zu tun, die Ihnen leicht fallen, die Sie besonders gut können, die Ihnen Energie verschaffen. Und die Aufgaben, die Ihnen lästig sind und Mühe machen, zu delegieren, herunterzufahren oder gleich ganz sein zu lassen, vorerst zumindest. Und genau das gleiche mit Ihren Mitarbeitern zu machen: Was möchtest Du mehr machen? Wie kannst Du Dich in der jetzigen Situation einbringen mit Talenten, die wir vielleicht noch gar nicht von Dir kannten oder einsetzen konnten? Job Crafting heißt das, wer sich dafür mehr interessiert, findet in dem brandneuen Buch „Designing your Work Life“ von Bill Burnett und Dave Evans tolle Anregungen. 

* Stellen Sie sich einen kleinen Moment lang vor, Sie oder Ihr Team hätten all die Stärken nicht. Was wäre dann los, was wäre dann anders? Stärken subtrahieren, könnte man das nennen – um dann deren Wert umso deutlicher zu bemerken, für einen selbst oder für andere.

In der nächsten Folge...

... geht es um die dritte Säule des PERMA-Modells, das Miteinander. Wie also schaffe ich als Führungskraft mehr Verbundenheit, Teamgeist, Kontakt, für mich selbst, meine Mitarbeiter, meine Organisation. 

Wer dazu schon jetzt Ideen, Anregungen oder Fragen hat – her damit, ich freue mich!

Wenn Sie mehr wissen wollen

Hier einige Angebote von mir, wenn Sie zu positive Leadership mehr wissen und erfahren wollen:

* In der aktuellen Folge meines Podcasts „Positiv Führen“ geht es um „Mehr Glück im Job".

* Mein Gratis-E-Book zum selben Thema kommt bald – gerne dafür schon jetzt anmelden.

* Und in den nächsten Wochen laufen wieder einige Webinare und Seminare zu Positive Leadership – teilweise gratis.

* Natürlich stehe ich für Online-Coachings zur Verfügung – meine Auftakt-Sitzungen sind aktuell kostenlos.

Mit positiven Grüßen

Christian Thiele

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Christian Thiele

ÜBER DEN AUTOR

Mehr Leistung, Freude, Gesundheit und Sinn, mit den Methoden der Positive Leadership: Darum geht es mir in meiner Arbeit als Coach, Trainer, Teamentwickler und Vortragsredner. Für Führungskräfte, Teams und Organisationen. Verliebt, verlobt und bald verheiratet mit Christiane. Vater. Skitourengeher.

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