Emotionen konstruktiv handhaben – Serie „Mehr Glück im Job, gerade jetzt“, Teil 1

CHRISTIAN THIELE

4  KOMMENTARE

Wie geht es Ihnen gerade?

Blöde Frage, einerseits. Andererseits geht es Ihnen wahrscheinlich schon dann ein klein wenig besser, wenn Sie sich Zeit nehmen, diese Frage überhaupt präzise zu beantworten. Denn zu einem konstruktiveren Umgang mit Emotionen gehört unter anderem: die aktuelle Verfasstheit labeln, benennen zu können. Und zwar möglichst genau, also mit dem HD-Farbfernseher auf die eigenen Emotionen schauen statt schwarz-weiß. Name it to tame it, heißt es dazu im Englischen: Affekte, haben Neurowissenschaftler wie Matthew Lieberman oder  David Rock herausgefunden, haben uns dann weniger im Griff, wenn wir sie in Begriffe packen, benennen, verbalisieren. Dann hat unser Gehirn bessere Chancen, wieder ins logische Denken zu kommen als im Panik-Modus, wo Kampf-oder-Flucht-Reflexe regieren. Und die haben haben sich in unser aller Gehirne in Zeiten von Corona mehr breit gemacht, als uns lieb wäre. 

Affekte benennen, bei mir und anderen: Das ist Tipp eins dieses Beitrages. In der Serie „Mehr Glück im Job“ will ich Führungskräften Tipps aus der Positiven Leadership an die Hand geben. Für mehr Leistungsfähigkeit, Miteinander, Sinnerleben und Freude, in der Arbeit und im Leben. Für Sie selbst, Ihre Mitarbeiter, Ihre Organisation. Auf wissenschaftlicher Grundlage – und doch ganz alltagspraktisch. Ich orientiere mich dabei am PERMA-Modell von Martin Seligman, dem Begründer der Positiven Psychologie. Aber dazu demnächst mehr.

Infodemie bekämpfen

Infiziertenzahlen, Totenzahlen, Horrorprognosen über das Ausmaß der Corona-Krise, Lieferschwierigkeiten, Absatzmängel, Zahlungsstopps: Wer will, kann von früh bis spät in negativen Emotionen baden. Und wer nicht will, auch. Denn auf allen Kanälen werden wir permanent überflutet mit einem Mahlstrom an Negativ-Nachrichten. Angst, Stress, Reizbarkeit sind jetzt völlig angemessene Reaktionen. Denn unser Gehirn, unser Immunsystem, unser Körper können zwar negative Reize eine Weile und auf einem gewissen Maß aushalten, ja, wir sind sogar darauf programmiert, Negatives schnell und stark wahrzunehmen. Das hat uns das Überleben vor dem Säbelzahntiger gesichert. Wenn unser Gehirn aber chronisch in Alarmbereitschaft bleibt, wenn wie bei einer inneren Freibierpartie unbegrenzt und dauerhaft Stresshormone ausgeschüttet werden, dann macht uns das buchstäblich krank. Zumal wir in Zeiten des Social Distancing das nicht tun können/dürfen/sollen, was wir sonst instinktiv in Krisensituationen machenx: In engen Austausch mit anderen gehen. Der nämlich sorgt für die Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin und anderen Botenstoffen, die uns fröhlicher, leistungsfähiger, kreativer, gesünder machen.

Daher: Bekämpfen Sie die Infodemie, schaffen Sie für sich Informationsroutinen! Machen Sie eine für Sie passende Nachrichtentriage, nutzen Sie Informationskanäle, denen Sie vertrauen, halten Sie sich ein, zwei Mal am Tag up-to-date – aber lesen Sie keine 753.000 Branchennewsletter, Facebook-Seiten und sonstige Kanäle, die Ihnen erzählen, was noch alles kommen könnte. Stellen Sie um auf nachhaltige Nachrichten-Diät – in Maßen, hochqualitativ, nahrhaft. Kommunizieren Sie an Ihre Mitarbeiter die Informationen, die nötig sind – aber tweeten Sie nicht jede Kummermeldung aus Italien an alle, teilen Sie nicht mit jedem jedes Horrorszenario mit, das Sie in schlechten Nächten aufweckt.

Christian Thiele | positiv-fuehren.com

Positives kultivieren

Die Emotionen haben immer noch einen schweren Stand in unserem Denken über Führung. Emotionen sind irgendwie unprofessionell und sollten lieber in Schach gehalten werden zugunsten der Vernunft, so denken Viele. Aber nicht zuletzt der Wirtschafts-Nobelpreisträger Daniel Kahnemann hat nachgewiesen, wie wichtig und hilfreich Emotionen für unser Denken, Entscheiden, Handeln sind. Zumal wir häufig nur über die negativen Affekte sprechen – und zu selten über die positiven Emotionen: Dankbarkeit, Freude, Ehrfurcht, Interesse, Humor, Gelassenheit, Interesse fühlen sich nicht nur gut an. Sondern sie stärken, das hat die Psychologin Barbara Fredrickson nachgewiesen, auf unterschiedlichste Weise unsere mentalen, sozialen und Handlungsressourcen. Menschen und Teams, die gute Laune haben, schneiden nachweislich besser in Intelligenztest ab, haben mehr und bessere Ideen, aber haben auch ein stärkeres Immunsystem, eine höhere Lebenserwartung. Martin Seligman konnte sogar in einer Studie belegen, dass optimistische Versicherungsvertreter fast 40 Prozent mehr Abschlüsse machen als pessimistische. Ob das wiederum eine gute Nachricht für die Menschheit ist, darüber lässt sich streiten...

Fredrickson nennt die stärkende Kraft positiver Empfindungen den „Broaden-and-Build“-Effekt. Außerdem sind positive Emotionen so etwas wie die Gore-Tex-Jacke gegen die Regentropfen des Lebens: Sie helfen uns, negative Affekte und Erlebnisse abzuwettern („undoing-Effekt“). Ein Teil unserer Zufriedenheit ist genetisch vorherbestimmt, ein Teil hat mit den Umständen zu tun. Aber zu rund 40 Prozent können wir unserer Zufriedenheitswerte, das sagen die Glücksforscher, selbst beeinflussen. Der Wirtschaftswissenschaftler Andrew Oswald hat in einer Studie herausgefunden, dass Führungskräfte die Produktivität um 12 Prozent steigern, wenn sie für mehr Glück und Zufriedenheit unter den Mitarbeitern sorgen – etwa indem sie positive Emotionen kultivieren. 

Und wie geht das jetzt? Sie könnten in Meetings und Mails gerade jetzt auf die Dinge fokussieren, die gut laufen, für die Sie dankbar sind, die Ihnen Freude machen oder Sie interessieren. Eine schöne Übung dazu für einen selbst: die 4 Gute-Nacht-Fragen von Dr. Markus Ebner, darüber habe ich an anderer Stelle geschrieben.

Dankbarkeit zeigen und spüren

Systemrelevant sind in diesen Tagen nicht nur Ärzte und Pfleger. Viele Führungskräfte, mit denen ich in diesen Tagen zu tun habe, sind überwältigt, wie spontan, kreativ und motiviert ihre Mitarbeiter die aktuelle Krise meistern – trotz der enormen Einschränkungen. Und gleichzeitig fällt es vielen Chefs schwer, Dankbarkeit zu zeigen, weil sie

  • selbst hohe Ansprüche gegenüber sich selbst haben und daher Leistung von sich und anderen erwarten
  • fälschlicherweise glauben, dass zu viel Dankbarkeit demotivieren könnte
  • zu weit weg sind von der Lebensrealität ihrer Mitarbeiter, um deren Leistungen überhaupt wertschätzen zu können 

In Zeiten von Corona sitzen wir allerdings irgendwie alle im selben Boot, haben mit ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen – Ängste um einen selbst und/oder die anderen, Herausforderungen der Daheimbeschulung, ruckeliges WLAN, wirtschaftlich-finanzielle Sorgen etc. Das bietet die Chance für Chefinnen und Chefs, näher an ihre Mannschaft heranzurücken – und Dankbarkeit zu zeigen für alles, was diese trotz eben dieser Probleme leisten. Denn in Organisationen, wo die Chefs viel loben, sind die Profitraten höher, Ausfallzeiten und Kündigungsraten niedriger, die Kundenzufriedenheitswerte besser, fühlen sich die Mitarbeiter weniger gestresst, stärker miteinander verbunden etc. Wer das Konzept „Wertschätzung durch Wertschätzung“ für Ponyhof-Gerede hält: Harte Daten zu den Effekten von dankbarerer Leadership finden Sie zum Beispiel hier oder im tollen neuen Buch „Leading with gratitude“ von Adrian Gostick und Chester Elton. 

Deshalb:

  • Bedanken Sie sich bei Ihren Mitarbeitern! 
  • Es müssen ja nicht gleich jene 30.000 Dankesnachrichten sein, die der frühere CEO des Suppenherstellers Campbell an seine Mitarbeiter geschickt haben soll – aber in diesen digitalen Zeiten ist eine Postkarte oder ein Brief ein besonderes Zeichen von Wertschätzung und Anerkennung!
  • Ermuntern Sie Ihr Team zu Dankbarkeit, indem Sie Shout-outs weitergeben oder diese abfragen, zum Beispiel zum Beginn eines Meetings.
  • Kritisieren und benennen Sie auch weiterhin Dinge, die schief laufen – aber in Maßen. Nach dem Konzept der so genannten positivity ratio („Positivitätsrate“) von Barbara Fredrickson sollte das Verhältnis zwischen Lob und Dankbarkeit einerseits und Kritik andererseits in etwa bei 3:1 liegen. 
  • Machen Sie Dankbarkeit zu einer Routine, einer kulturellen Praxis in Ihrer Organisation! Sie und alle, die mit ihr zu tun haben, werden davon mittel- und langfristig profitieren!

Überraschend belohnen

Unser Gehirn will Routine, Struktur, Regelmäßigkeit. Auf unerwartete Bedrohung reagiert es extrem stark – und auf unerwartete Belohnung ebenfalls. Da kann unser Gehirn gar nicht anders, also Dopamin und andere Glücksbotenstoffe ausschütten (funktioniert übrigens bei Bienen genauso...) Ich berate und coache Führungskräfte, die gerade großartige Ideen haben, um ihren Mitarbeitern Dopamin zu servieren: Sie spendieren Gutscheine für Bücher, Netflix, Liefer-Sushi, Fitness-Apps, neue Laptops oder alle anderen Dinge, die in diesen Tagen nützlich, hilfreich oder auch einfach nur schön sein können. Was fällt Ihnen dazu ein? 

Virtuelle Nähe schaffen

Das Corona-Virus zwingt uns alle zum Social Distancing, Anstand zeigt, wer Abstand hält. In vielen Firmen und Organisationen ist plötzlich Zwangs-Home-Office angesagt, der Austausch wird damit weniger. Gleichzeitig habe ich gerade aus dem Customer Support einer großen Firma gehört, dass die Zahl der gelösten Fälle pro Kundenberater pro Woche um 20 Prozent gestiegen sei – weil die Leute fokussierter arbeiten können. Gibt es auch bei Ihnen solche Effizienzgewinne, neue Ideen, Innovationen? Die sollten Sie besonders feiern in diesen Tagen, Lob besonders deutlich weitergeben. 

Schaffen Sie virtuelle Nähe. Handeln Sie in Calls oder Meetings nicht nur ToDos, Termine, Zahlen ab. Führen Sie eine „Wie geht's Euch gerade“-Runde ein, machen Sie eine Foto-Challenge, laden Sie zu virtuellen Kaffeepausen oder Feierabendbieren ein, feiern Sie Geburtstage mit einem Happy Birthday via Zoom, Teams, GoTo oder was auch immer!

Viele Unternehmen und Organisationen haben sich in den letzten Jahren radikal verändert, Verantwortung ist nach unten delegiert worden, es wird partizipativer geführt. Agilität, Holokratie, Soziokratie sind einige der Schlagwörter. In manchen Kontexten wird das jetzt gerade mehr, bekommen Teams noch mehr Freiheit und Autonomie. In anderen Branchen, Firmen, Bereichen muss viel straffer von oben geführt werden. Und in manchen Organisationen passiert beides gleichzeitig: Radikale Schritte und Schnitte, die einsam von oben beschlossen werden – und enorme Freiheitsgrade für die Mitarbeiter und Teams. Beides sollten Führende erklären, unterstützen, er-MUT-igen! Auch das schaffe positive Emotionen.

Helfen & Helfenden helfen

Das „runners' high“ kennen Sie sicher. Aber haben Sie schon mal vom „helper's high“ gehört? Es kann in diesen Zeiten besonders wichtig sein. Wir Menschen sind vor allem auf Kooperation, Austausch, Altruismus, Hilfsbereitschaft gepolt. Der egoistische Nutzenmaximierer, survival of the fittest, homo oeconomicus: Das alles sind verstaubte Theorien von gestern. Ökonomie, Biologie, Medizin und Neurowissenschaften haben, unterstützt durch die neuen bildgebenden Verfahren, in den letzten 20 Jahren etliche Belege dafür gefunden, dass das so genannte prosoziale Verhalten ab Kleinstkindtagen in uns angelegt istUns selbst glücklicher macht. Das Belohungszentrum im Gehirn aktiviert. Uns erfolgreicher macht. Und und und.

Gehen Sie jetzt Blutspenden. Kaufen Sie für die Nachbars-Oma im Obergeschoss ein. Spenden Sie für einen Kleinkünstler oder sonstwie einen guten Zweck. Und motivieren Sie Ihre Mitarbeiter dazu, ähnliches zu tun und/oder veranstalten Sie eine Challenge über die besten Hilfs-Ideen! Ihr eigenes Immunsystem, Ihre Mitarbeiter, Ihre Kunden – und alle, die von der Hilfe profitieren, werden es Ihnen danken!

Akku aufladen

Ausreichend Schlaf, gutes Essen, schöne Musik, eines der Tausenden von Online-Fitness-Programmen mit- und nachmachen, die jetzt gerade kursieren: Achten Sie in diesen fordernden Tagen besonders auf Leib und Seele! Halten Sie Ihre Akkus frisch. Gönnen Sie sich Momente des Schönen, Wohltuenden, Witzigen, Anregenden. Und animieren Sie Ihre Mitarbeitenden dazu. Sie tun damit nicht nur sich selbst einen Gefallen. Sondern auch dem Partner, den Kindern, den Mitarbeitern und allen sonst, mit denen Sie zu tun haben!

In der nächsten Folge...

... geht es um die zweite Säule des PERMA-Modells, das Engagement. Sprich: Stärken stärken, Flow ermöglichen, für mich selbst, meine Mitarbeiter, meine Organisation. 

Wer dazu schon jetzt Ideen, Anregungen oder Fragen hat – her damit, ich freue mich!

Wenn Sie mehr wissen wollen

Hier einige Angebote von mir, wenn Sie zu positive Leadership mehr wissen und erfahren wollen:

  • In der aktuellen Folge meines Podcasts „Positiv Führen“ geht es um „Mehr Glück im Job".
  • Mein Gratis-E-Book zum selben Thema kommt bald – gerne dafür schon jetzt anmelden.
  • Und in den nächsten Wochen starte ich einige Webinare und Seminare zu Positive Leadership – teilweise gratis.
  • Natürlich stehe ich für Online-Coachings zur Verfügung – meine Auftakt-Sitzungen sind aktuell kostenlos.

Mit positiven Grüßen

Christian Thiele

P.S.: Sie machen das gut!

Sei der Erste, der den Beitrag teilt!

Christian Thiele

ÜBER DEN AUTOR

Mehr Leistung, Freude, Gesundheit und Sinn, mit den Methoden der Positive Leadership: Darum geht es mir in meiner Arbeit als Coach, Trainer, Teamentwickler und Vortragsredner. Für Führungskräfte, Teams und Organisationen. Verliebt, verlobt und bald verheiratet mit Christiane. Vater. Skitourengeher.

Das könnte Ihnen auch gefallen: 

Mein Podcast „Positiv Führen“ ToGo – Folge 9, Mein toller erster Chef

„Es gibt nichts Schlimmeres als einen depressiven Psychologen“: Interview mit Dan Tomasulo

Mein Podcast „Positiv Führen“ – Folge 8, Zuversicht stärken, mit Dan Tomasulo

  • {"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}
    >