Sinn-voller führen: Miniserie, Teil 1/4

CHRISTIAN THIELE

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Die Corona-Krise hat die Stimmung in den Keller gedrückt, es fehlt an Motivation und Zuversicht: So geht es vielen Führungskräften jetzt. Ein Lösungsweg aus der Positive Leadership: das Sinn-erleben stärken, für mich und meine Mitarbeiter. Darum geht es in dieser Miniserie. In Teil 1: Was ist überhaupt Sinn? 

Wer ein Wofür zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.
Viktor E. Frankl

Was Sinn ist

Stellen Sie sich zwei Unternehmen vor, die mehr oder weniger das gleiche Produkt herstellen. In Firma A) bekommt die Belegschaft regelmäßig mitgeteilt, welche Markterfolge mit ihrem Produkt erzielt wurden. Beschäftigte aus allen Unternehmensbereichen werden regelmäßig dazu ermuntert, Hospitanzen in anderen Teilen der Firma zu machen, damit sie die unterschiedlichen Logiken und Anforderungen im Unternehmen besser verstehen. Messebesuche sind selbstverständlich – nicht nur für Vertriebler. Die Team-, Abteilungs- und Bereichsleiter sowie alle Projekt-Chefinnen und -Chefs in Firma A geben sämtliche Erfolgsmeldungen und Kundenlob permanent weiter an ihre Mitarbeitenden. 

Anders als in Firma B) – obwohl diese doch so ziemlich genau das gleiche Produkt herstellt: Dort wissen die wenigsten Mitarbeiter so richtig, wie es um die Firma steht – denn das ist Führungswissen. Messebesuche, Kundenkontakt: Das ist für die Vertriebstruppe vorgesehen, denn dafür wird sie bezahlt – und für niemanden sonst. Dankesmails von Kunden landen, wenn sie überhaupt kommen, im Spam-Filter.

Was meinen Sie, in welchem Unternehmen ist die Stimmung besser, bleiben die Mitarbeiter länger, gibt es weniger Kundenreklamationen, steigt der Aktienkurs schneller und und und? 

Bingo! In Firma A.

Denn das Wofür von Arbeit zu kommunizieren, erlebbar zu machen, den Menschen in einer Organisation das Gefühl zu geben, ist einer der Kernfaktoren von Positivem Führen.   Im Perma-Lead-Profiler, einem wissenschaftlich validierten Testverfahren, mit dem Sie das Verhalten von Positiv Führenden abtesten und verbessern können, ist die Vermittlung von Sinn eine von fünf Kategorien.

"Nobody achieves anything great because they're happy and cosy", hat der amerikanische Extremkletterer Alex Honnold mal gesagt. Und er hat diesbezüglich eine gewisse Street Credibility, denn Honnold hat im Juni 2017 als erster die extrem schwere Route Freerider am El Capitan im Yosemite im Free Solo-Stil bezwungen, also ohne jegliche Sicherungen. Für mich eine der großen – und ja, ich weiß, dieses Wort ist problematisch – Heldentaten unserer Zeit. Ein eindrucksvolle Beispiel für die "Trotzmacht des Geistes", wie das der Holocaust-Überlebende, Psychiater und übrigens auch leidenschaftliche Kletterer Viktor E. Frankl so schön formuliert hat. 

Aber was Sinn jetzt eigentlich? Nico Rose, Psychologieprofessor, einstige Führungskraft bei Bertelsmann und Autor des lesenswerten Buches "Führen mit Sinn", bezeichnet Sinnerleben als eine Art psychologisches Einkommen, als den "ultimativen Motivator". Sinn von Arbeit wäre demnach eine mehr oder weniger objektiv festzustellende Sinnhaftigkeit unsere Tuns. Sinn in der Arbeit hingegen eine sehr subjektive Qualität, die jede und jeder für sich selbst entdecken und kultivieren kann. 

Wenn Sie so über Ihre aktuelle Tätigkeit nachdenken: Wie Sinn-voll ist diese für Sie im Moment, auf einer Skala von 1 = völlig irrelevant und sinnfrei bis 10 = maximal bedeutsam?

Vielleicht finden Sie ja eine Antwort – vielleicht tun Sie sich auch schwer damit. Denn "Sinn" ist ja eher ein wolkiger Begriff. Wolkiger zumindest als "Hammer", "FFP2-Maske" oder "Umsatzsteuervoranmeldung" – wobei die bei mir manchmal auch eher wolkig ist...

Was also ist Sinn? Der Begriff geht zurück auf das althochdeutsche "sinnan", das für "reisen", "streben" oder "trachten" steht. Auch das lateinische "sent-" Sinn hat also qua Begrifflichkeit immer etwas mit einem Wohin zu tun, ist etwas Dynamische. Auch das italienische – also spätlateinische – "sentiero", "Pfad" kann einem dabei in den, äh: Sinn kommen.

Nach allem was wir wissen sind nur Menschen in der Lage, die An- oder Abwesenheit von Sinn zu empfinden. Auch wenn wir dafür kein eigenes Sinnesorgan haben, das uns Sinnhaftigkeit oder Bedeutungslosigkeit schmecken, riechen oder fühlen lassen würde – wir wissen, wie sich Sinn in der Arbeit oder im Leben anfühlt. Jedenfalls so ungefähr.

Tatjana Schnell, Professorin in Innsbruck und Oslo, erforscht seit Jahren den Sinn, misst das Sinnerleben mit harten Indikatoren und hat ein spannendes und sehr lesbares Buch geschrieben: "Die Psychologie des Lebenssinns". Schnell unterscheidet darin vier unterschiedliche Dimensionen von Sinn. Wer sein Leben und Tun als bedeutsam und sinnhaft erlebt, die oder der erleb sich als:

  1. kohärent, sprich: die Ziele und Handlungen in unterschiedlichen Lebensbereichen passen zusammen, widersprechen einander nicht;
  2. orientiert: Ich habe ein Wohin, eine Richtung, einen inneren Kompass, der mir Entscheidungen für das eine und gegen das andere möglich oder leichter macht – gerade auch in schwierigen, unübersichtlichen Phasen meines Arbeits- und Privatlebens;
  3. bedeutsam: Ich erlebe Resonanz, mein Handeln bewirkt etwas, ist nicht völlig wirkungslos, irrelevant – wie manche das gerade in Konzernen erleben;
  4. zugehörig: ich bin Teil von etwas, einer Strömung, einer Partei, einer Firma, eines Berufsstandes – und nicht komplett isoliert.

Sinn-voll führen heißt

...dann mindestens drei unterschiedliche Dinge:

  • Ich erlebe selbst diese vier Dimensionen von Sinn, habe den Eindruck, dass mein eigenes Führungshandeln zu etwas Größerem beiträgt. 
  • Ich kann als Führungskraft meiner Belegschaft – ähnlich wie bei optischen Täuschungen, wo unser Gehirn einen Zusammenhang in eigentlich unverbundene Teile hineinsieht – einen gewissen "Bedeutungsüberschuss" vermitteln, kann in der Kommunikation immer wieder dazu beitragen, dass die oder der Einzelne sich im Kontext sehen und erleben kann. 
  • Bringe mein und unser Handeln, zum Beispiel bei der Delegation von Aufgaben oder in Change-Situationen, immer wieder in Übereinklang mit dem Purpose, den Werten unserer Organisation. Aber dazu demnächst mehr.

Wozu eigentlich Sinn stärken und wie geht das konkret? Darum geht’s in den nächsten Folge meiner Miniserie. 

Wenn Sie mehr wissen wollen

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Mit positiven Grüßen

Christian Thiele

P.S.: Sie machen das gut!

Christian Thiele: „Positiv führen in schwieriger Zeit“ (Haufe Verlag, Mai 2020)

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Christian Thiele

ÜBER DEN AUTOR

Mehr Leistung, Freude, Gesundheit und Sinn, mit den Methoden der Positive Leadership: Darum geht es mir in meiner Arbeit als Coach, Trainer, Teamentwickler und Vortragsredner. Für Führungskräfte, Teams und Organisationen. Verliebt, verlobt und bald verheiratet mit Christiane. Vater. Skitourengeher.

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