Wozu mehr Wozu? Sinn-voller führen – Miniserie, Teil 2/4

CHRISTIAN THIELE

1  KOMMENTARE

Die Corona-Krise hat die Stimmung in den Keller gedrückt, es fehlt an Motivation und Zuversicht: So geht es vielen Führungskräften jetzt. Ein Lösungsweg aus der Positive Leadership: das Sinn-erleben stärken, für mich und meine Mitarbeiter. Darum geht es in dieser Miniserie. In Teil 1 habe ich erklärt, was Sinn überhaupt ist. Thema dieser Folge: Wozu eigentlich ein Wozu, welchen Sinn hat Sinn, welche Effekte hat es, wenn ich, meine Mitarbeiter, die Menschen in meiner Organisation ihr Tun und Handeln als bedeutsam erleben? Und was, wenn das nicht der Fall ist? 

Die Folgen Sinn-loser Arbeit

Schon die alten Griechen haben zwischen zwei Formen des Glücks unterschieden: Hedonia und Eudaimonia. Das hedonische Glück ist demnach das Glück des Moments, sprich: möglichst viel Pulverschnee, Vanilleeis, Couch-Komfort, Glückstee und was einen sonst noch so an Feelgood-Maßnahmen fröhlich, heiter, gutgelaunt machen mag – und möglichst wenig Frust, Ärger, Sorgen und sonstiger negativer Affekt. Die Psychologen sprechen hier vom subjektiven Wohlbefinden – im Unterschied zum psychologischen Wohlbefinden, dem eudaimonischen Glück: Dabei geht es eher um das Erleben von Bedeutsamkeit, Selbstannahme, einer guten Balance aus Verbundenheit mit anderen und Autonomie sowie um die Verwirklichung der eigenen Potenziale.  

In diesem Sinne besteht das eudaimonische Unglück unter anderem darin, einen Bullshit-Job zu haben, der eben nur ein Job ist und keine Berufung. Dinge zu tun, deren Beitrag zu irgendeinem größeren Ganzen nicht ersichtlich ist. Oder vielleicht sein Einkommen mit der Erstellung und Vermarktung von Produkten und Dienstleistungen zu verdienen, die unseren Werten und Prinzipien nicht entsprechen. So habe ich etwa in Coachings oder Workshops immer wieder mit Führungskräften aus der Atomenergiebranche oder der Rüstungsindustrie zu tun, denen der Daseinszweck ihres Unternehmens buchstäblich auf den Magen schlägt. 

Laut einer Studie des Umfrageinstitutes Yougov vor einigen Jahren sagte die Hälfte der befragten Briten auf die Frage, ob sie einen Sinn in ihrer Arbeit sähen, „Nein“ (37 Prozent) oder „Weiß nicht“ (13 Prozent). Eine ähnliche Umfrage in den Niederlanden ergab ähnliche Werte. Anderen Studien zufolge ist der Wert derer, die am Sinn ihrer Arbeit zweifeln oder diesen nicht sehen, niedriger (https://www.researchgate.net/publication/329366731_Socially_Useless_Jobs).  

Wer seinen Job als „Bullshit Job“ erlebt, ist leichter gelangweilt, weniger motiviert und engagiert – und mit höherer Wahrscheinlichkeit depressiv und alkoholabhängig (https://www.psychologytoday.com/us/blog/out-the-darkness/201811/addiction-and-lack-purpose).  Dabei geht es gar nicht nur darum, immer die Welt zu retten: Auch wer erfährt, dass sie oder er für den Papierkorb gearbeitet hat, ist – oh Überraschung – weniger motiviert und zufrieden mit seiner Arbeit (https://www.iwh-halle.de/nc/en/press/press-releases/detail/meaningless-work-threatens-employees-job-performance/).

Leider weiß ich selbst, wie das ist, wenn man keinen Sinn in der eigenen Arbeit findet, eine derartige Erfahrung hat mich vor rund zehn Jahren in eine zunächst berufliche und dann schwere persönliche und gesundheitliche Krise gebracht. Die Sinnforscherin Prof. Tatjana Schnell spricht von „existenzieller Indifferenz“, Viktor E. Frankl schrieb einst vom „existenziellen Vakuum“ – kein Wofür zu haben, macht uns buchstäblich krank. Wir verlieren an Motivation, die Erfahrung von Selbstwirksamkeit geht verloren, viele geistig-seelische Ressourcen nehmen ab, wenn wir keinen Sinn in unserer Arbeit sehen.

Sinn stärken lohnt sich

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in einem Call-Center und rufen mehr oder weniger wahllos Menschen an, um Geld einzuwerben für Universitäts-Stipendien – eine verdammt frustrierende Arbeit. Denn die Erfolgsquote ist sehr niedrig. Was ändert sich, wenn Ihnen der Zweck Ihrer Arbeit deutlicher vor Augen geführt wird?

Der amerikanische Sozialpsychologe Adam Grant (www.adamgrant.net), der spannende Bücher schreibt und mit „Work Life“ einen sehr großartigen Podcast fährt, hat dazu eine beeindruckende Studien erstellt: Den Mitarbeitenden eines eben solchen Call-Centers wurde ein fünfminütiges Video mit einem Studenten vorgespielt, der darin erklärt, welch großen Einfluss das Stipendium auf sein Leben hatte. Einen Monat später haben Grant und seine Kollegen gemessen, ob und inwiefern sich das Engagement und die Wirksamkeit bei den Telefonist*innen im Vergleich zu einer Kontrollgruppe verändert hat, die das Video nicht gesehen hatte. Und die Zahlen sind so drastisch wie selten in der Psychologie: Die Mitarbeiter, denen in dem fünfminütigen (!) Video (!!) das Wofür ihrer Arbeit erklärt wurde, verbrachten einen Monat später (!!!) 142 Prozent mehr Zeit (!!!!) mit ihren Gesprächspartnern und warben dabei 171 Prozent (!!!!!!) mehr Geld ein (Grant, Adam M.; Campbell, Elizabeth M.; Chen, Grace; Cottone, Keenan; Lapedis, David; Lee, Karen: Impact and the Art of Motivation Maintenance: The Effects of Contact with Beneficiaries on Persistence Behavior. Organizational Behavior and Human Decision Processes, v103 n1 p53-67 May 2007).

Und noch ein paar Zahlen:

  • Eine israelische Studie hat ergeben, dass radiologische Diagnosen um fast ein Drittel ausführlicher und fast um die Hälfte präziser ausfallen, wenn den Ärzten zu den Röntgen-Aufnahmen Fotos von den Patienten zugefügt wurden. Wenn sie also erkannten, dass es nicht nur um Leberkarzinom X oder Lungenödem Y ging, sondern um konkrete Menschen. 
  • Apropos Medizin: In Kliniken wird Studien zufolge rund 45 Prozent mehr Desinfektionsmittel nach dem Toilettengang benützt, wenn auf Hinweisschildern auf die Bedeutung des Infektionsschutzes für Patienten hingewiesen wird. 
  • Über 80 Prozent der Befragten einer weltweiten Umfrage unter 474 Führungskräften von HBR Analytic Services sind sich einig: Wenn der Purpose zu einer treibenden Kraft der Strategie und Entscheidungsfindung wird, steigt auch die Fähigkeit, erfolgreiche Innovationen und laufende Transformationen voranzutreiben. 
  • Laut dem „Global Leadership Forecast 2018“ von Ernst & Young performen sinngetriebene Unternehmen finanziell bis zu 42 Prozent besser als der Durchschnitt. Vor allem, weil sie besser dafür gerüstet sind, sich an ein schnell veränderndes, wettbewerbintensives Umfeld anzupassen – genau das, was heute mehr denn je erforderlich ist. 
  • Der „Global Marketing Trend Report 2020“ von Deloitte  hält fest, dass purpose-driven Unternehmen auf loyalere Kunden zählen und drei Mal so stark wachsen wie Organisationen ohne erkennbaren Purpose. 

Haltung zeigen, gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, der Belegschaft ein Wofür vermitteln: Das wird nicht nur immer stärker gefordert, von den Medien, den NGOs, der Politik – es lohnt sich auch immer mehr. Sinnhaftigkeit und Bedeutung von Arbeit zu erleben und zu kommunizieren macht also Sinn. Wie das gehen kann – dazu geht es in der nächsten Folge meiner Serie.

Wenn Sie mehr wissen wollen

Hier einige Angebote von mir, wenn Sie mehr von mir zu positive Leadership hören, lesen, wissen, erleben wollen:

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🎧 Die aktuelle Folge meines Podcasts „Positiv Führen“ dreht sich darum, wie Chefinnen und Chefs Sinn-voller führen können – gerade aus, in, nach Krisen , sich selbst und andere. (Der Podcast und ich freuen uns übrigens über Abos und freundliche Bewertungen!). Auf den einzelnen Plattformen hier zu hören👇🏼


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Mit positiven Grüßen

Christian Thiele

P.S.: Sie machen das gut!

Christian Thiele: „Positiv führen in schwieriger Zeit“ (Haufe Verlag, Mai 2020)

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Christian Thiele

ÜBER DEN AUTOR

Mehr Leistung, Freude, Gesundheit und Sinn, mit den Methoden der Positive Leadership: Darum geht es mir in meiner Arbeit als Coach, Trainer, Teamentwickler und Vortragsredner. Für Führungskräfte, Teams und Organisationen. Verliebt, verlobt und bald verheiratet mit Christiane. Vater. Skitourengeher.

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