Meine größte Schwäche – und wie ich mit ihr umgehe

CHRISTIAN THIELE

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Neulich zum Beispiel meine Bald-Frau am Ess-Tisch: Da liegen 48 Schattierungen an Himmelblau, alle irgendwie gleich, Teile eines Riesen-Puzzles, das ich völlig unlösbar finde. Sie aber: probiert hier, testet dort, seelenruhig, kaum ist eine halbe Stunde vergangen, hat sie schon wieder ein Teil platzieren können. Ich allerdings weiß nach drei Sekunden Zuschauen schon: Nix für mich. Zu langsam. Zu knifflig. Zu nuanciert. Zumindest für mich.

Was ist Ihre größte Macke? Ihr größtes Defizit, was nervt andere an Ihnen – und Sie vielleicht auch manchmal an sich selbst?

Bei mir ist es das Tempo. Ich bin sehr gern auf Zack, für mich müssen die Sachen fix gehen, ich nehme mir für viele Sachen keine Zeit. Auch mit diesem Text hier wäre ich eigentlich schon am liebsten fertig, bevor ich ihn begonnen habe.

Eigentlich bin ich ja sehr dafür, Stärken zu stärken. Zu sehen, zu wertschätzen, bei sich und bei anderen. 

Aber dazu gehört auch, zumindest in Maßen: Die Schwächen zu kennen. Zu wissen, was sie schwer machen, was sie verhindern, wann sie im Weg stehen. Und sie auch "Schwächen" zu nennen – und nicht zu verklären oder zu verniedlichen. 

Es ist natürlich viel effektiver, Stärken zu stärken als an Schwächen herumzudoktern. Und wir nehmen unsere Schwächen sowieso viel stärker wahr als die Stärken, das liegt an unserer eingebauten Negativititätsverzerrung. Aber Stärkenfokus heißt nicht, die Schwächen zu ignorieren. Wer segeln will, muss vor allem die Segel richtig setzen. Aber wenn sie oder er ein riesiges Leck im Rumpf hat, dann sollte sie oder er sich lieber darum kümmern, bevor das Boot absäuft – das ist das schöne Bild von Robert Biswas-Diener. Manchmal hindern uns Schwächen daran, unsere Stärken in Wirkung zu bringen – dann sollten wir uns lieber mit ihnen beschäftigen.

Schwächen konstruktiver handhaben

Hier einige Strategien für das konstruktive Handling von Schwächen:

1. Den Wert sehen: Meine größte Schwäche, dass alles am besten immer rucki-zucki zu gehen hat, kenne ich nicht nur von mir selbst. Viele Führungskräfte, mit denen ich zu tun habe, in Coachings, in Webinaren, sind da ähnlich. Dinge weiterbringen, aufs Gas drücken: Das ist ja erstmal auch eine Stärke. "Eine gute Schwäche ist besser als eine schlechte Stärke", hat  Charles Aznavour mal dazu gesagt...

2. Den Preis sehen: Was machen die Schwächen schwer oder unmöglich? Mir zum Beispiel macht das Tempo den Kontakt mit manchen Leuten schwer, weil ich nicht immer die Geduld für jeden Gedankengang habe. Coachees, die an ihrem Leben wirklich etwas ändern wollen und noch nach dem richtigen Weg suchen, haben es mit mir wahrscheinlich leichter als jene, die sehr auf der abwägenden Seite des Lebens daheim sind und noch nicht wissen, ob sie überhaupt einen ersten Schritt gehen wollen. Da kann ich schon mal ungeduldig werden. Auch stehe ich meiner eigenen Lebenszufriedenheit, dem Genuss gelegentlich im Weg mit meinem Tempo. Wenn ich mit Menschen zu tun habe, die schneller denken, handeln, sprechen als ich, merke ich, wie mich das anstrengt, mit ihnen Kontakt zu halten. Der Puls rast, ich fühle mich zu doof und zu langsam, purer Stress: vielleicht geht es der oder dem einen oder anderen mit mir genauso.

3. Den Antreiber um einen Erlauber ergänzen: Meine Eltern sind tot, ich kann sie daher nicht mehr fragen, aber ich wüsste eigentlich gerne, warum ich mit 13 schon Kurse in Autogenem Training belegt habe. Mit 13! Offensichtlich hatte ich von Kind auf so viel Feuer unterm – pardon: Arsch, dass ich schon im Prä-Zahnspangen-Alter auf der Suche nach Verlangsamungsstrategien war. Solche inneren Antreiber ("Ich muss es allen recht machen", "Ich muss perfekt sein", "Ich muss alles allein machen" oder eben "Ich muss schnell sein") haben uns weit gebracht im Leben, sie haben vieles ermöglicht. Aber sie können auch dysfunktional sein. Daher ist es gut, wenn wir ihnen Erlaubersätze an die Hand geben. Zum Beispiel so etwas wie: "Ich hab's gern fix. Aber es darf auch mal gemütlich sein."

4. Eine Schwäche durch eine Stärke schwächen: In Langsammachen bin ich schlecht. Aber ich kann anderen Leuten gut und – logo: schnell vertrauen. So dass ich die Qualitätskontrolle zum Beispiel bei meinen Büchern voll und ganz dem Lektorat überlasse und mich auf deren Urteil leicht verlassen kann.

5. Eine Schwäche wegdelegieren: Ganz ähnlich wie der letzte Punkt, aber leicht anders: das Feld, das unter einer Schwäche leidet, an jemanden delegieren, der da eine Stärke hat. Gerade in Teams ist das wichtig und hilfreich, damit die Leute einander gegenseitig mit ihren Stärken unterstützen – statt sich ihre Schwächen gegenseitig um die Ohren zu hauen. 

6. Die Schwäche schwächen: Coaching, AchtsamkeitsübungenPausen planen und dann auch machen – das sind einige der Strategien, die mir helfen, meine Schwächen abzuschwächen. Denn ganz wegorganisieren lässt sich eine Schwäche nicht immer, ein bisserl was muss man schon auch selbst dafür tun...

7. Ein "passt scho"-Niveau anstreben: Die Langsamkeits-Weltmeisterschaft werde ich nie gewinnen, brauche ich auch nicht. Aber ich kann mir kleine Verlangsamungs-Ziele setzen und diese erreichen und damit zufrieden sein – passt scho, wie man in Bayern sagt. Denn an Maximal-Zielen, die nicht zu einem passen, kann man ja eh bloß scheitern.

8. Meine Werte klarziehen: Worauf kommt's im Leben an, was ist einem wirklich wichtig? Und welche Rolle spielt da die eigene Schwäche? Zum Beispiel die Bildchen, mit denen ich meine Blogposts illustriere: Da bekomme ich oft gesagt, die seien so schlampig, so kinderhaft, man könne mich daher nicht ernst nehmen. Das ist mir egal, ehrlich gesagt. Denn ein großer Zeichner wird eh nie aus mir, und den Aufwand, den ich für eine signifikante Verbesserung stecken müsste, investiere ich lieber in die Texte. Aber wenn mir der Kontakt zu Menschen, die mir wichtig sind, durch das Tempo verloren geht – dann ist mir das nicht wurscht. Dann muss ich aufpassen.

9. Mit anderen "Problemfällen" in Verbindung gehen: Meine Schwäche habe ja nicht ich erfunden, ich bin nicht der einzige, dem das so geht. Man könnte sich also auch durchaus mit Menschen austauschen, die die gleiche oder ähnliche Schwächen wie man selbst haben: "Wie geht Ihr damit um? Welche Strategien funktionieren für Euch?" Oder so. Habe ich mir für demnächst auch mal vorgenommen. Wenn wieder Zeit ist...

Was haben Sie gelernt? Nicht über mich, sondern über Ihre eigenen Schwächen, über Ihren Umgang damit? Ich freue mich über Rückmeldung!

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Mit positiven Grüßen

Christian Thiele

P.S.: Sie machen das gut!

Christian Thiele: „Positiv führen in schwieriger Zeit“ (Haufe Verlag, Mai 2020)

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Christian Thiele

ÜBER DEN AUTOR

Mehr Leistung, Freude, Gesundheit und Sinn, mit den Methoden der Positive Leadership: Darum geht es mir in meiner Arbeit als Coach, Trainer, Teamentwickler und Vortragsredner. Für Führungskräfte, Teams und Organisationen. Verliebt, verlobt und bald verheiratet mit Christiane. Vater. Skitourengeher.

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