Werte-geleitet leiten: 5 Anregungen für Führungskräfte

CHRISTIAN THIELE

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Mit den eigenen Werten ist es ein bisschen wie mit der Blutgruppe: Jeder hat sie, kaum einer kennt sie. Aber wenn es hart auf hart kommt, dann können sie enorm wichtig werden.

Wie als Führungskraft die eigenen Werte verstehen, ausleben, und wie Werte-geleitet leiten? Mit Prof. Dr. Pentz habe ich für die aktuelle Folge meines Podcasts „Positiv Führen“ darüber gesprochen. Für die, die lieber oder auch gern lesen: Hier fünf Impulse dazu.

Was Werte sind

„Verantwortung“, „Autonomie“, „Respekt“, „Exzellenz“: Das sind Beispiele für mögliche Wertebegriffe. Werte sind recht grundsätzliche, stabile Vorstellungen vom Guten, vom Wünschenswerten – und vom nicht-so-Guten, nicht-so-Wünschenswerten. Als eine Art Kompass oder Navigationssystem, repräsentieren Werte unsere Lebensziele. 

“Values are like fingerprints. Nobody’s are the same, but you leave them all over everything you do.” Dieser Spruch wird Elvis Presley zugeschrieben, und er trifft ganz gut das, was die Forschung über Werte herausgefunden hat: Werte sind etwas sehr individuelles und sehr stabiles, das häufig gar nicht so sehr an der Oberfläche zu Tage tritt.

Wir handeln, entscheiden und kommunizieren ohne starkes Bewusstsein für unsere Werte, tragen Autonomie, Fairness, Loyalität, Nachhaltigkeit, Zuverlässigkeit oder was auch immer an Prinzipien für Sie wichtig sein mag, in der Regel nicht laut und deutlich vor uns her.

Und doch sind Werte andere als bedeutungslos im Alltag. Sie liegen den Weltanschauungen, Einstellungen und zumindest den Verhaltensabsichten zu Grunde, die Menschen haben. Und die vor allem dann starke Emotionen auslösen, wenn sie nicht entfaltet werden können.

Fragen Sie sich doch einmal:

  • Welche Werte sind Ihnen wichtig?
  • Welche können Sie ausleben, in der Arbeit, im Leben?
  • Bei welchen Gelegenheiten scheppert’s, weil Ihnen wichtige Werte vielleicht mit denen Ihrer Führungskraft oder des Unternehmens kollidieren oder mit Füßen getreten werden?
  • Bei welchen Konflikten oder Schwierigkeiten in Ihrem Arbeitsumfeld, zum Beispiel in Change-Situationen, könnte es vielleicht, äh: wertvoll sein, den Werten auf den Grund zu gehen? Weil der Auseinandersetzung ein Werte-Konflikt zu Grunde liegt, der aber nie wirklich zur Sprache kommt?

Leistung versus Wohlwollen oder Sicherheit versus Lebendigkeit oder Tradition versus Selbstbestimmung in Denken und Handeln: Das sind ganz typische Wertepole, zwischen denen Konflikte entstehen.

Der amerikanisch-israelische Sozialpsychologe Shalom Schwartz gilt als weltweit führender Experte auf dem Gebiet der Werte-Forschung und hat in etlichen Studien zehn Grundwerte ermittelt, die mehr oder weniger bei uns allen unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Die über unterschiedlichste Kulturen hinweg – in jeweils unterschiedlich starker Ausprägung – gelebt und gewertschätzt werden. Und die starken Einfluss auf eine Reihe von Einstellungs- und Verhaltensmustern haben, wie zum Beispiel religiöse Anhängerschaft, Konsumentscheidungen oder Wahlverhalten. Wie wir mit Geld umgehen, welche Art von Urlaub wir machen, wie wir arbeiten und die Arbeit bewerten: All das hängt mit unseren Wertvorstellungen zusammen.

Warum Werte wichtig sind – gerade für  Führungskräfte 

Werte sind einerseits Gedanken, Kognitionen, Repräsentationen von dem, was wir als richtig empfinden. Sie können aber sehr emotional wirken: 

  • Freude, Zufriedenheit, Gelassenheit entstehen, wenn unser Tun und Leben mit dem Wertekanon in Passung sind
  • Unzufriedenheit bis hin zu Verzweiflung können aus Wertekonflikten entstehen 
  • Und wenn wir wichtige Werte bedroht sehen, löst das häufig eine Stressreaktion aus – Flucht oder Kampf 

Im Englischen ist “value” gleichzeitig Nomen und Verb, denn Werte beziehen sich letztlich immer auf Handeln oder Nichthandeln. Gerade Führungskräfte sollten sich mit Werten befassen, für einen klareren Umgang mit sich selbst – und für eine konstruktive Führung von Mitarbeitenden, Teams, Organisationen.

Es macht Sinn, dazu hat Schwartz an vielen Studien mitgewirkt, sich die eigenen Werte bewusst zu machen – etwa über validierte Testverfahren –, zu klären und das eigene Tun stärker an den Werten auszurichten, wenn möglich. Denn wer sein Handeln mit dem eigenen Kompass in Passung bringt vermag, die oder der

Und eine Studie der Harvard Business Review, an der 195 Führungskräfte aus 15 Ländern teilgenommen haben, hat ergeben: Aus einer Liste von 74 Leadership-Kompetenzen sind „hohe ethisch-moralische Standards“ die wichtigste Erwartung an eine gute Führungskraft (von 67% der Befragten genannt). Mitarbeitende erwarten also werteorientierte Führungskräfte!

Die deutsche Wertekommission befragt übrigens seit Jahren über 500 Führungskräfte aus unterschiedlichsten Hierarchieebenen, laut dem Ranking vom Frühjahr 2021 liegen folgende Werte ganz oben:

  • Vertrauen (32 %) 
  • Verantwortung (27 %) 
  • Respekt (17 %) 
  • Integrität (14 %) 
  • Nachhaltigkeit (7 %) 
  • Mut (3 %) 

Und Forscher des renommierten MIT haben jüngst eine große Studie unter 700 Unternehmen vorgelegt, von denen über 80 Prozent ihre Firmenwerte auf der eigenen Website publiziert haben. Drei von vier US-amerikanischen CEOs haben dieser Studie zufolge in Interviews mit großen Wirtschaftsmagazinen auf ihre Firmenwerte verwiesen – egal, ob sie danach gefragt wurden oder nicht. Die meisten untersuchten Firmen schreiben sich zwischen übrigens drei und sieben Unternehmenswerte auf die Fahnen, zu den am meisten genannten Werten zählen „Integrität“, „Kollaboration“, „Kundenorientierung“, „Respekt“ und „Innovation“.

Wert-orientiertes Handeln planen

Wie wert-voller entscheiden und führen? Hier drei Anregungen, bewusster entlang Ihrer Werte entscheiden zu können – gerade wenn Werte in Gefahr sind, etwa bei Verstößen gegen Sicherheits-, Umwelt-, Sozialstandards, in Krisensituationen, wenn Zahlen frisiert, Lieferanten über den Tisch gezogen oder wenn herabwürdigende Bemerkungen fallen gelassen werden. Denn dann müssen Führungskräfte Farbe bekennen, oder?

Erkunden Sie also Ihre Werte, was wollen Sie erreichen mit Ihrer Arbeit, worauf legen Sie Wert? Und wofür könnten Sie anfällig sein, zumindest in kritischen Momenten? Was und wer kann Ihnen dann helfen, das Richtige zu tun?

Denn hoher Stress, wenig Schlaf, extrem anspruchsvolle Ziele, aber auch bestimmte Kulturen verleiten eher dazu, gegen Werte zu verstoßen. Deshalb, besonders vor heiklen Entscheidungen: Schaffen Sie Distanz, nehmen Sie sich Zeit, reden Sie mit wem über Ihr mögliches Dilemma. Mit einer Kollegin, einem Coach, Ihrer Partnerin. Je müder, je erschöpfter Menschen sind, desto unanständiger handeln selbst die Anständigsten. Das hat Maryam Kouchaki in Studien nachweisen können, die zu diesen Fragen vor einiger Zeit einen sehr lesenswerten Beitrag im Harvard Business Manager geschrieben hat.

Wert-orientiert entscheiden

  • Wäre es mir Recht, wenn meine Entscheidung auf der Titelseite der BILD- oder meiner Heimatzeitung samt Foto und Namen verkündet würde? 
  • Würde ich anderen Leuten raten, so zu entscheiden – im Unternehmen, außerhalb der Firma? 
  • Wäre ich einverstanden, wenn mein Handeln im Kant’schen Sinne eine allgemeine Regel würde? Könnte ich dann noch guten Gewissens in den Spiegel schauen?
  • Gibt es akzeptablere Alternativen? Muss wirklich ich wirklich jetzt überhaupt entscheiden? 

Das sind Fragen, die Sie sich in konkreten Entscheidungssituationen stellen sollten, wenn es hart auf hart kommt. Und die Ihnen dabei helfen, Ihre Werte im Blick zu haben statt nur nach schnöder, kurzfristiger Kosten-/Nutzenrechnung abzuwägen.

Wertvolles Lernen

Die moralischsten unter den moralischen Führungskräften sind wahrscheinlich eigentlich auch keine Engel – nur sie lernen aus ihren Erfolgen und Fehlern permanent dazu.

Reflektieren Sie also Ihre Erfolge und Misserfolge – auch um eine Segmentierung von moralischen Identitäten („so entscheide ich im Job, und das ist mir im Privatleben wichtig“) zu vermeiden. Vielleicht hilft es Ihnen auch, als Konsequenz daraus, sich im so genannten Job Crafting zu üben, also sich Fragen zu stellen wie:

  • Welche Tätigkeiten will ich mehr machen, weniger machen, anders machen?
  • Mit wem will ich mehr zu tun haben (etwa in Projekten), mit wem vielleicht auch weniger?
  • Und wie könnte ich für mich und meine Mitarbeitenden das Wofür unseres Tuns mehr leben und bewusst machen? 

Gehen Sie wertschätzend mit Ihren Werten und denen anderer um! Im Job und im Leben! Viel Spaß und Erfolg dabei!

Wenn Sie mehr wissen wollen

Hier einige Angebote von mir, wenn Sie zu positiver Psychologie im Job und Positive Leadership mehr von mir hören, lesen, wissen, erleben wollen:

💪 Die Stärken besser kennen und nützen, mit Schwächen konstruktiver umgehen, bei mir und meinen Mitarbeitern: Darum geht’s demnächst in meinem neuen Audiokurs. Schon jetzt hier anmelden!

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Mit positiven Grüßen aus Garmisch-Partenkirchen

Christian Thiele

P.S.: Sie machen das gut!

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Christian Thiele

ÜBER DEN AUTOR

Mehr Leistung, Freude, Gesundheit und Sinn, mit den Methoden der Positive Leadership: Darum geht es mir in meiner Arbeit als Coach, Trainer, Teamentwickler und Vortragsredner. Für Führungskräfte, Teams und Organisationen. Verliebt, verlobt und bald verheiratet mit Christiane. Vater. Skitourengeher.

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