Komplimente machen als Führungskraft – wozu und wie?

CHRISTIAN THIELE

1  KOMMENTARE

Liebe Positiv Führenden,

„gut gemacht!“, „Ich finde toll, wie Du…!“, „Was ich bewundere an Dir, ist wie Du…“: Wann hat zuletzt wer so etwas zu Ihnen gesagt? Wann haben Sie zuletzt jemandem so etwas gesagt, im Job, in der Familie? Wie ging es Ihnen damit – als Empfängerin, als Geber?

Wozu Komplimente machen?

Wir sind, so singt es Marlene Dietrich in einem alten Schlager, „von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“. Der Mensch als höchstsoziales Wesen braucht Verbundenheit und Anerkennung. Umso mehr in Zeiten der Sorge, der Ungewissheit, der Umbrüche. Und umso weniger sich die KollegInnenschaft, die Teams in der Arbeit physisch begegnen, und davon ist ja auch in Zukunft auszugehen, um so mehr sollten Führungskräfte Wertschätzung und Anerkennung ins, pardon: Universum ballern.

Nicht nur, aber gerade heute, am 1. März, dem internationalen Tag des Kompliments.

Denn ich habe in meinem Coachings und Seminaren schon viel davon gehört, dass sich Mitarbeitende auf allen Ebenen über zu wenig Anerkennung, Lob und Wertschätzung beklagen. Dass sie deshalb kündigen, innerlich und äußerlich. Dass Menschen wegen zu viel Komplimenten kündigen, der Fall ist mir noch nicht untergekommen. Zumal sich Führungskräfte in aller Regel für freundlicher und wertschätzender halten, als sie von ihren Mitarbeitenden wahrgenommen werden. Auch große Daten über Stärkentests deuten darauf hin, dass Freundlichkeit nur selten zu den Top-Stärken von Führungskräften gehört.

„Eine lobende, schmeichelhafte Äußerung, die jemand an eine Person richtet, um ihr etwas Angenehmes, Erfreuliches zu sagen“: So definiert good old Duden das Kompliment. Und aus der Forschung wissen wir, dass diese lobenden, schmeichelhaften Äußerungen sowohl das Wohlbefinden anderer als auch unser eigenes auf unterschiedlichste Weise stärken können.

Nehmen wir etwa das Perma-Modell von Martin Seligman, eines der am meisten beforschten Glückskonzepte und Grundlage des Perma-Lead-Profilers, mit dem sich günstiges Führungsverhalten messen und verbessern lassen kann. Komplimente zahlen auf alle fünf Säulen des Modells sein:

  • Sie stärken Freude, Zuversicht und andere positive Emotionen
  • Sie bestärken Stärken, machen dieses sichtbarer und erlebbarer
  • Sie fördern das Miteinander, die Verbundenheit – mindestens zwischen Absenderin und Adressat des Kompliments
  • Sie machen Werte deutlich und stärken damit das Sinnerleben
  • Sie können das erlebte Selbstwirksamkeit, das Gefühl von "ich kriege was gebacken" födern

Und wer ein paar Zahlen, Daten, Fakten braucht – bitteschön: In vielen psychologischen, biologischen, neurowissenschaftlichen und verhaltensökonomischen Studien lassen sich die Effekte von Komplimenten nachweisen.

Gipfel-Kommunikation, "peak communication": Diesen schönen, treffenden Begriff hat Julien C. Mirivel geprägt, er passt finde ich sehr gut auf das, was Komplimente sein und leisten können. Oder zitieren wir Mark Twain, der einst schrieb: "Von einem guten Kompliment kann ich zwei Monate leben."

Was Komplimente kompliziert macht

Vielleicht tun Sie sich ja gelegentlich schwer mit Komplimenten – vielen von uns scheint das so zu gehen. Obwohl Sie, spätestens jetzt, wissen, wie viele unterschiedliche Vorteile es hat, Lob und Anerkennung zu spenden. Was hemmt Sie also daran, Komplimente zu spenden?

Erstmal: Sie sind nicht alleine damit, rund neun von zehn Befragten geben in Studien an, sie sollten eigentlich anderen mehr Anerkennung zollen. Und in experimentellen Situationen, wo ihnen extra die Möglichkeit dazu eingeräumt wird, macht es auch nur jedeR Zweite. Mein Eindruck ist übrigens: Weibliche Führungskräfte können besser Komplimente machen als Männer, (auch) da könnten wir uns eine dicke Scheibe abschneiden. Aber das ist nur meine Erfahrung, dazu habe ich keine wissenschaftliche Evidenz vorliegen...

Vielfach glauben wir fälschlicherweise, dass Komplimente sich schnell abnützen und die Motivation schwächen. Es unterschätzen die meisten Menschen, wie sehr sich andere über Dankesbekundungen freuen. Und wir überschätzen häufig, wie peinlich, unangenehm oder unangebracht andere Komplimente empfinden mögen.

Außerdem mache ich die Erfahrung, dass in vielen Organisationen eine "It gschimpfd isch globad gnue"-Kultur herrscht, das ist allgäuerisch für: "Nicht geschimpft ist genug gelobt". Wer Komplimente macht, verdirbt da möglicherweise die Preise – so zumindest die nachvollziehbare Befürchtung.

Und natürlich hat uns die #MeToo-Bewegung zu Recht sensibler gemacht für die manchmal feine Grenze, die zwischen Anerkennung und Herabschauen, zwischen beflügelnden und beschämenden Formen des Kompliments zu ziehen ist. Tollpatschigkeiten, ungemeinte Gemeinheiten bis hin zu echt toxischen Botschafte, die aus eigentlichen Unterlegenheitsgefühlen entstehen: Wie diese vermeiden? Und wie echte, gute Komplimente machen?

Konstruktive Komplimente kommunizieren

Äußerlichkeiten wie das schöne Kleid, die blauen Augen? Sollten NoGos sein für Komplimente im Job, schon gar nicht von Mann zu Frau, von Chef zu Mitarbeiterin. Selbst wenn freundlich gemeint, kommt so eine Bemerkung schnell als herabwürdigend an oder ist im schlimmsten Fall ein echter "CatCall". Erscheinungskomplimente sind auch eher schlecht für die kognitive Leistung, vielleicht überzeugt wenigstens das die letzten Chauvi-Chefs! Und im Zweifelsfall: achten Sie darauf, wie ein Kompliment aufgenommen wird, fragen Sie, was bei der/dem andereN ankam!

Lassen Sie andere lieber wissen, was Sie an ihnen mögen, schätzen, bewundern! An der Art wie sie im Projekt mitarbeiten, die Kundschaft betreuen, die Präsentationen rocken, die Kinder erziehen oder oder oder. Das geht übrigens natürlich per Sprachnachricht, per E-Mail. Oder, natürlich am wirksamsten, aber eben nicht als einzige Möglichkeit, von Angesicht zu Angesicht.

Machen Sie sich Komplimente zur Gewohnheit! Morgens wenn Sie den Rechner anschalten oder abends, wenn Sie ihn zuklappen: Einfach eine kurze »Dankes-«, »Gut gemacht«- oder »Bravo«-Botschaft absenden, das wäre eine der "Zwei-Minuten-Strategien" für mehr Glück und Wohlbefinden, die der Harvard-Forscher Shawn Achor vorschlägt.

Seien Sie spezifisch mit Komplimenten, sprechen Sie konkrete Situationen und Beispiele an, das macht das Kompliment nachvollziehbarer.

Prozesss-Feedback unterstützt eher die Fortschritts- und Wachstumsorientierung als rein Ergebnis- oder Eigenschaftsbezogene Komplimente. Das zeigt die Forschung zum "Growth mindset"von Carol Dweck.

Und machen Sie klar, warum Ihnen dieses oder jenes Verhalten der anderen Person wichtig ist, was das mit Ihren Werten zu tun hat. Das macht Sie selbst sichtbarer und kann die Verbindung zum Gegenüber nochmals vertiefen. 

Aber seien Sie dabei ehrlich. Machen Sie Komplimente nur, nur wenn Sie ernst gemeint und keine Pflichtschleimerei sind, für die Sie lange in den Hosentaschen kramen müssen.

Und vergessen Sie nicht: Soziale Anerkennung wird vom Empfänger meist viel freundlicher aufgenommen als von der Absenderin erwartet. Das ist doch eigentlich ein schönes Kompliment für das Kompliment, oder?

✅ Was ich ansonsten zu vermelden habe

In meinem Podcast „Positiv Führen“ ging es zuletzt um das Coaching von Führungskräften, das war Thema des Gesprächs mit Prof. Dr. Nico Rose. Thema der aktuellen Folge, mit Prof. Dr. Wolfhart Pentz: Führen mit, nach – und trotz Werten! In der kommenden Ausgabe, erklärt Barbara Lax, wie sie mit Positiver Psychologie, Neurowissenschaften und Positiver Führung eines der am schnellsten wachsenden Unternehmen Europas gegründet hat und leitet – wie immer ab dem 13. live.

Geschrieben habe ich zuletzt unter anderem über das Herunterfahren nach der Arbeit – ein Thema, das Führungskräfte aktuell in vielen Seminaren und Coachings aufbringen – sowie über Wert-volles Führen.

An der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport durfte ich gemeinsam mit der fantastiliösen Dr. Corinna Schmidt "Positive Business" unterrichten – ab Herbst ist das dann im Regelbetrieb auch in München möglich, ein kleines Interview dazu habe ich Radio Energy gegeben.

Für drei große deutschsprachige Unternehmen habe ich Positive Leadership Journeys gestartet, in denen wir gemeinsam mit unterschiedlichen Führungskräfteteams durch das Jahr reisen, teils remote, teils hybrid, teils in Präsenz – wer da Interesse hat, gerne melden!

🙏Ein großes Dankeschön an

... all jene, die gerade in der aktuellen Anspannung und trotz der Verunglimpfungen die Ideen, Ziele und Konzepte feministischer Außenpolitik hochhhalten

... die ukrainischen Frauen, die gegen den Wahnsinnigen mit dem langen Tisch Molotov-Cocktails basteln

... Jamie Oliver für sein großartiges „Kiev chicken“-Rezept

... meine Verlobte, die uns zu meinem Geburtstag ein sehr, sehr, sehr schönes Winterwochenende am Kronplatz organisiert hat. Wie immer gab's zum Abschluss grandiose Pizza und selbstgebrautes Bier in der Sachsenklemme, da fährt sich's gleich viel leichter über den Brenner heim!

... meine Burschen aus dem Männerlesezirkel, mit denen ich nach viel zu langer Zeit mal wieder zur Diskussion über ein Buch zusammengekommen bin (ja, auch andere Dinge spielten eine Rolle an dem Abend...). Thema diesmal: das wütende, wütend machende, engagierte, aufwändig recherchierte, ein bisserl zu wenig lektorierte und doch sehr empfehlenswerte "Hinterwald", das der beste Buchhändler dies- und jenseits des Mississippi unverdrossen bewirbt und vertreibt!

... Sie und Euch für Zeit, Aufmerksamkeit und Rückmeldung! Merccccciiiiiii!

Euch und Ihnen einen gesunden, trotz allem zuversichtlichen, produktiven März!

Mit positiven Grüßen aus dem gerade noch weißen Partenkirchen,

Euer und Ihr

Christian Thiele

P.S.: Ihr macht/Sie machen das gut!

Haufe: Positiv führen. Stärken erkennen und nutzen.

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Christian Thiele

ÜBER DEN AUTOR

Mehr Leistung, Freude, Gesundheit und Sinn, mit den Methoden der Positive Leadership: Darum geht es mir in meiner Arbeit als Coach, Trainer, Teamentwickler und Vortragsredner. Für Führungskräfte, Teams und Organisationen. Verliebt, verlobt und bald verheiratet mit Christiane. Vater. Skitourengeher.

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