Klar sein in der Unklarheit: Souveränität zweiter Ordnung

CHRISTIAN THIELE

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Mir ist klar, es gibt Schlimmeres. Und dennoch wünsche ich diese Situation niemandem: Neulich in einem Webinar, ich bin der Dozent. Weil ich vorher noch etwas anderes zu tun hatte, was länger dauerte als geplant, komme ich viel später als eigentlich vernünftig in den Webinar-Raum. Die Plattform, auf der ich eigentlich arbeiten wollte, steht mir nicht zur Verfügung, ich muss auf eine andere, mir nicht vertraute ausweichen. Dort hätte ich eigentlich meine Präsentation längst hochladen müssen, das dauert. Genauer gesagt: das daaaaaaaaaaaauert. Die Teilnehmer sind längst im Warteraum, irgendwie funktioniert das mit Kamera und Mikro alles nicht, Minutenlang drücke ich hier einen Knopf und versuche dort, etwas zu verändern, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer müssen einfach nur warten. Sie sehen und hören mal gar nichts, mal mein Gestammel, kurzum: eine absolute Blamage. Mir ist das unendlich peinlich, ich ärgere mich über mich selbst und meine Unprofessionalität. 

Da fällt mir ein Konzept ein, eine Haltung, ein Gedanke, den ich in meiner Ausbildung bei Friedemann Schulz von Thun kennenlernen durfte und über den ich hier schreiben möchte. Denn vielleicht haben machen von Euch und Ihnen ähnliche Erlebnisse gemacht, vielleicht auch gerade jetzt: es geht um den Begriff der „Souveränität zweiter Ordnung“.

Souveränität zweiter Ordnung

Wie kann ich klar sein in eigenen Zeiten der Unklarheit? Wie kann ich mehr oder weniger souverän mit Momenten der Unsouveränität umgehen? Wie kann ich in Situationen, da mir die Felle davonschwimmen, auf eine Art und Weise sein und kommunizieren, die einerseits ehrlich ist, human, menschlich – die aber gleichzeitig professionell ist. Und dabei keine aalglatte, antrainierte, fassadenhafte Pseudo-Professionalität zeigen, ein geheucheltes Obercheckertum, das so tut, als wüsste man Bescheid, hat aber gerade eigentlich keine Peilung von fast nix?

Friedemann Schulz von Thun erklärt sein Konzept der Souveränität zweiter Ordnung unter anderem in dem Buch „Kommunikation als Lebenskunst: Philosophie und Praxis des Miteinander-Redens“, das Bernhard Pörksen mit ihm herausgebracht hat, so toll, er hier hier ausführlicher das Wort haben sollen:

Der Ehrgeiz einer Souveränität erster Ordnung besteht darin, alles im Griff zu haben, mit exzellenter rhetorischer Schlagfertigkeit zu glänzen, sich keine Blöße zu geben, fabelhaft fit und gut gelaunt zu erscheinen, perfekt professionell in allen Lebenslagen die Oberhand zu behalten. Macken und Schwächen sind aus dieser Sicht ein beklagenswertes Versagen und schnellstens zu beseitigen – der ganze Mensch wird hier zu einer permanenten Exzellenzinitiative.

Sie strebt ebenfalls an, den Herausforderungen des Lebens gewachsen zu sein, gewachsen zu werden, mit allen dafür erforderlichen professionellen Kompetenzen. Jedoch gestehe ich mir Schwächen, Irrtümer und Begrenzungen zu, auch dass ich zuweilen ratlos, melancholisch, empfindlich, hilfsbedürftig, gelähmt und unbedacht bin, mich womöglich schuldig gemacht habe. Und indem ich mir alles dies nicht als kläglich angehörig, sondern als menschlich zugehörig ansehe, erkenne ich es als Teil der humanen Realität an. Mir fällt, indem ich die Fehlbarkeit zugestehe und zugebe, kein Zacken aus der Krone – im Gegenteil: Die Krone der Menschlichkeit wird jetzt erst wirklich. Und zu dieser Menschlichkeit gehört eben, dass man nicht permanent leidenschaftlich, begeistert und entscheidungsfreudig ist, sondern eben manchmal auch ratlos, vergrübelt, von Selbstzweifeln zermürbt, begrenzt, ohnmächtig und verletzlich.

Von Rezepten zu Meta-Rezepten

Ich werde in Coachings und Trainings von Führungskräften oft um Tipps und Werkzeuge gebeten, mit denen Sie die Dinge mehr im Griff haben können. Eine Führungskraft erklärte mir zum Beispiel mal auf meine Frage, was denn eine gute Frage sei: „Eine gute Frage ist eine, auf die ich von vornherein schon eine Antwort habe!“ Das war für mich eine sehr erhellende und ehrliche Antwort, weil sie zeigt, wie viele Führungskräfte den Anspruch an sich selber haben, souverän erster Ordnung zu sein, um mit Schulz von Thun zu sprechen. Und von Trainern und Beratern dann Rezepte erwarten, um diese Souveränität erste Ordnung zu stärken.

Gerade in Zeiten der radikalen Destruktion, wo heute vieles ganz anders ist als gestern und morgen alles noch mal ganz anders sein mag, stressen Führende, Lehrer, Trainer, Coaches, Eltern sich viel zu sehr, wenn sie immer souverän erster Ordnung bleiben wollen. Und geben ein Versprechen ab, das sie doch eh häufig nicht halten können. Viel humaner, viel menschlicher und letztlich viel professioneller und agiler sind wir nach meiner Auffassung unterwegs, wenn wir auf VUCA, Jetzigkeit und Fluidität mit mehr „ich weiß es nicht“, „schauen wir mal“, „müssen wir abwarten“ antworten. Eine Art permanenter Beta-Status quasi. 

Das wäre sozusagen ein Ratschlag, der kein Ratschlag sein will, eine Art Meta-Rezept. Oder wie denkt Ihr, wie denken Sie darüber?

In meinem Webinar jedenfalls habe ich, als es dann endlich lief, ein paar tiefe Atemzüge genommen, habe das Krönchen gerichtet und bin so bei mir selbst im Hier und Jetzt angekommen. Und konnte mich ein Stück vom „Müsstesollteeigentlich“ distanzieren. Ich habe mich noch mal entschuldigt, habe gesagt, wie unglaublich leid mir das tut, dass ich gerade nichts im Griff habe, konnte mich an den tollen Julian wenden, der mich so lange technisch supportet hat, bis die Sache irgendwann lief. Ich habe die verpassten, vermasselten 10 Minuten hinten angestückelt und schließlich einige sehr freundliche Rückmeldungen bekommen. Zumindest von den Teilnehmern, die nicht schon längst ausgestiegen waren…

Ein paar Impulse

Hier ein paar Gedanken zum Umgang mit Unklarheit:

  • Wo seid ihr, wo sind Sie souverän im Sinne der Souveränität erster Ordnung? Wo ist diese wichtig und hilfreich, wo erwarten Sie und Ihre Mitarbeiter das von sich?
  • Wo stresst sie, wo belastet diese Souveränität erster Ordnung? Wo könnte ein milderer, tastenderer Umgang mit dem eigenen Nicht-Wissen oder Noch-nicht-Wissen dazukommen? 
  • Und wie könnte so eine Souveränität zweiter Ordnung für Sie aussehen? Wer hätte was davon?
  • Und was wäre ein erster Schritt dahin? Woran würden Sie, woran würde wer anders ihn bemerken?

Wenn Sie mehr wissen wollen...

Wie geht es Ihnen mit diesen Impulsen? Ich freue mich über Kommentare und Rückmeldungen. Und falls Sie sich fragen, was ich eigentlich beruflich so mache: Ich unterstütze Teams und Führende auf dem Weg zu mehr Leistungsfähigkeit, Freude und Miteinander. Mit Coachings, Teamworkshops und Vorträgen, mal in Präsenz, mal virtuell. Daher hier noch ein bisschen Werbeeinblendung für meine Angebote:

? Mein Buch „Positiv führen in schwieriger Zeit“ ist gerade erschienen, vorerst nur als E-Book erhältlich. Mir ist am liebsten, Sie bestellen es bei meinem oder Ihrem Buchhändler des Vertrauens als bei...Sie wissen schon.

? In der aktuellen Folge meines Podcasts „Positiv Führen“ geht es um die Messbarkeit von Positive Leadership.

? Natürlich stehe ich für Online-Coachings zur Verfügung – meine Auftakt-Sitzungen sind kostenlos.

Mit positiven Grüßen

Christian Thiele

P.S.: Sie machen das gut! 

Christian Thiele: „Positiv führen in schwieriger Zeit“ (Haufe Verlag, Mai 2020)

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Christian Thiele

ÜBER DEN AUTOR

Mehr Leistung, Freude, Gesundheit und Sinn, mit den Methoden der Positive Leadership: Darum geht es mir in meiner Arbeit als Coach, Trainer, Teamentwickler und Vortragsredner. Für Führungskräfte, Teams und Organisationen. Verliebt, verlobt und bald verheiratet mit Christiane. Vater. Skitourengeher.

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