9 Dinge, die Sie vom – ja, ganz genau: Jobcenter Osnabrück über Positive Leadership und Positive Psychologie lernen können

CHRISTIAN THIELE

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Kirsten Liebchen ist Fallmanagerin am Jobcenter Osnabrück. Sie arbeitet dort sowohl mit KundInnen als auch in die Organisation hinein mit Haltung und Methodik aus Positiver Psychologie und Positive Leadership. In der aktuellen Folge meines Podcasts „Positiv Führen“ habe ich sie dazu interviewt. Hier sind einige Dinge, die ich für besonders erinnerns- und behaltenswert für Positive Leaders halte:

Positive Leadership ist manchmal wie ein Wanderführer auf Teneriffa

Lange Leine lassen, Vertrauen wagen, ermutigen: Das ist die eine Seite von Positiver Führung. „Obacht, hier ist ein Hindernis“, „so bewältigst Du einen glatten Stein“, „setze jetzt Deinen Tritt hier“: Präzises Hinschauen und Anweisen, das ist manchmal auch wichtig. So wie der Wanderführer, den Kirsten einst auf Teneriffa gebucht hatte. Loslassen, wo man loslassen kann, also das menschliche Grundbedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung verwirklichen. Und andererseits unterstützen und damit Beziehung stiften, dann wenn es nötig und hilfreich ist. Freiraum lassen und Vertrauen leben da, wo möglich. Als Leitplanke Halt und Orientierung geben, wo nötig.

ZDF schafft Vertrauen

Positive Leadership und Positives Führen gründen auf wissenschaftlichen Erkentnissen, sie sind evidenzbasiert statt eminenzbasiert. Zahlen, Daten, Fakten (ZDF) sind das wissenschaftliche Fundament, auf dem Positive Leadership gründet. Vor allem Kim Cameron und Markus Ebner (u.a. hier) haben empirisch zeigen können, dass Positive Leadership sowohl zu besseren „harten“ betriebswirtschaftlichen Kennzahlen (höhere Umsätze und Gewinne, weniger Schwund, weniger Fehlzeiten, gestiegene Kunden- und Mitarbeiterloyalität, gesunkene Kündigungsraten) als auch zu vermeintlich softeren Verbesserungen beitragen kann (neben geringeren Burnout-Raten und weniger Alkoholkonsum konnte Markus Ebner sogar Indizien für bessere Schlafqualität und besseres Erziehungsverhalten bei Positiv Geführten diagnostizieren). Diese Rückbindung an wissenschaftliche Evidenz hilft, dass Führungskräfte aus der Nachttischlektüre oder von ihren CoachInnen oder TrainerInnen nicht blind persönliche Patentrezepte übernehmen, so nach dem Motto: „Hat bei mir als CEO von Google/Virgin/Tesla/General Motors funktioniert, funktioniert bei den Bienen/Wölfen/Amseln, funktioniert bei Dir auch“. Denn wer sein Handeln, Denken, Fühlen, seine Art in Beziehung zu gehen, ernsthaft verändern will, sollte sich lieber auf Evidenz verlassen denn auf Hokuspokus. Und in vielen Organisationskulturen, die sowieso datengetrieben sind, kann es sehr hilfreich sein, wenn für die Einführung von Coachings, Trainings, 360°-Feedbacks oder anderen Tools auf Faktenbasis argumentiert werden kann.

Stärkenblick lässt sich trainieren

Langzeitarbeitslose Alleinerziehende, die beim Jobcenter anlanden, sind:

  • arm dran
  • perspektivlos
  • verzweifelt
  • schwer vermittelbar?

Ja, das mag alles sein. Aber sie sind vielleicht auch

  • durchhaltefähig
  • humorvoll
  • kreativ
  • bescheiden
  • optimistisch
  • empathisch
  • und. Und. Und.

Bewusst die Stärkenbrille aufsetzen, bewusst die Ressourcen von Menschen in den Blick nehmen, die ihre Potenziale häufig selbst schon seit langem nicht mehr sehen: Das ist eine Haltung, die man einnehmen kann oder nicht. Und das war ja der Grundgedanke der Positiven Psychologie überhaupt, von der reinen Fixierung auf Mängel, Macken, Defizite wegzukommen – und den Fokus auf Stärken, Ressourcen, Stabilisatoren zu richten. Wir wissen, unter anderem aus den Forschungen von Barbara Fredrickson, dass sich Zuversicht, Gelassenheit und andere positive Emotionen nicht nur erzeugen lassen, sondern dass diese auch Denk- und Handlungsräume weiten und uns resilienter machen gegen Frust, Angst, Neid und andere negative Affekte.

Kapital gibt es auch psychologisch, messbar und verbesserbar

Organisationen haben nicht nur physisches, strukturelles und finanzielles Ressourcen – sie haben auch, in Form ihrer Mitarbeitenden, innere Ressourcen – das psychologische Kapital. Zu diesem Schluss ist der Organisationsforscher Fred Luthans gekommen und hat daraus das Konzept des psychologischen Kapitals entwickelt. Es beschreibt psychologische Kapazitäten des Einzelnen, die sich entwickeln, verbessern und messen lassen und ist auch bekannt unter dem Akronym „HERO“, denn es steht für:

  • Hoffnung, also die Orientierung und (Neu-)Ausrichtung unseres Handelns an Zielen
  • Selbstwirksamkeit („self-efficacy“ im Englischen), also das Zutrauen, herausfordernde Aufgaben bewältigen zu können
  • Resilienz, also die Fähigkeit, in schwierigen Umständen durchhalten und in den Ausgangszustand zurückkehren zu können
  • Optimismus, also den Blick vor allem auf die Gelegenheiten und Möglichkeiten in der Zukunft zu richten

Hohes PsyCap, wie das Psychologische Kapital gern abgekürzt wird, geht Studien zufolge nicht nur mit selteneren Depressionssymptomen, weniger Stresserleben und vielen anderen gesundheitlichen Markern einher, sondern lässt auch auf bessere Performance und Zufriedenheit im Job schließen. Dr. Corinna Schmidt (ehemals Gerleve) konnte im Rahmen eines Forschungsprojektes für ihre Doktorarbeit am Jobcenter Osnabrück zeigen: In Workshops ließ sich nicht nur das Psychologische Kapital von Mitarbeitern des Jobcenters steigern – sondern die vier erhöhten PsyCap-Faktoren strahlen auch auf die Kunden der Jobcenters aus. Die damit mehr Erfolg bei der Suche nach einer Anstellung hatten. „Und damit“, sagt Kirsten Liebchen, die die Doktorarbeit mit aufgegleist hatte, „hatte ich natürlich die Aufmerksamkeit meiner Geschäftsführung, das schien dann auch ein interessantes Gebiet zu sein.“

Positive Psychologie ist nicht nur für die Reichen, Schicken, Schönen!

Yoga, Chai Latte – und dann auch noch ein bisschen Achtsamkeit, Stärkenfokus und High Quality Connections: Positive Leadership und Positive Psychologie erscheinen oft als etwas for the happy few, und vielleicht sind daran auch Menschen wie ich nicht ganz unschuldig. Was ist aber mit den Menschen, die nicht immer ganz oben in der gesellschaftlichen Nahrungskette stehen, die gar keinen Job haben, den sie craften können – geschweige denn von einer Führungsposition, die sie optimieren können? Selbstwirksamkeit stärken, ein Bewusstsein für eigene Stärken und Ressourcen, das ist aber keine Schickimicki-Haltung. Die Soziologin Eva Illouz hat doppelt unrecht (und ein klitzekleines bisschen recht), wenn sie die Positive Psychologie angreift: „Die Glückswissenschaft stigmatisiert negative Gefühle wie Zorn, Wut oder Hoffnungslosigkeit. Übrigens können viele dieser vermeintlich negativen Gefühle ein Mittel zur Veränderung sein. Die Frauenbewegung war erfolgreich, weil sie von Zorn, und nicht, weil sie von Glück angetrieben wurde.“ Zwar gab – und gibt es vielleicht immer noch in Teilen – die Glückskeksfraktion, die Positive Psychologie als immersüße Zuckerwatte vertritt – aber längst hat mit der „zweiten Welle“ der Positiven Psychologie auch die Beschäftigung mit Schmerz, Scheitern, Schuld und anderen unangenehmen Seiten des Lebens Raum gefunden. Außerdem sind Menschen, die in gerechteren Gesellschaften leben, offenbar auch glücklicher, sind sozial oder politisch engagierte Menschen glücklicher als solche, die sich nicht engagieren. Völlig richtig ist aber auch: Wegatmen oder durch Selbstmitgefühl beseitigen lassen sich Armut, gesellschaftliche Spaltung und Ungerechtigkeit nicht, da kommt die Positive Psychologie an ihre Grenzen.

Glück braucht die richtige Sprache

Wer mit alleinerziehenden Müttern arbeitet, die schon seit langem keinen Job finden, sollte lieber nicht von „Glück“ reden. Und wer Manager coacht, die auf Leistung um jeden Preis und knallharten Umgang mit sich selbst sozialisiert sind, macht vielleicht um Worte wie „Achtsamkeit“ oder „Verletzlichkeit“ einen Bogen. So wie es nicht DIE Interventionen gibt, die für alle und immer hilfreich sind, gibt es auch nicht DIE Begrifflichkeiten, die immer passen. Damit Wohlbefinden Anschluss finden kann an unterschiedliche Kontexte und Situationen, braucht es auch Anschlussfähigkeit in Sprache und Vokabular. Ich schreibe daher eher von „Innerer Komplizenschaft“, wenn ich das Konzept des Selbstmitgefühls erkläre, eher von „Fehlerkultur“ als von der VIA-Stärke „Vergebungsbereitschaft“, eher vom „Inneren Kritiker“ als vom „Schattenkind.

Sinn macht Sinn

Viele Aufgaben in einem Jobcenter sind kein Zuckerschlecken. Die FallmanagerInnen etwa haben tagein, tagaus mit Menschen zu tun, die schwere Schicksale hinter sich haben, die kaum noch Hoffnung haben, denen ihr Leben sinnlos erscheint, die mit den unterschiedlichen Zuständigkeiten der unterschiedlichen Stellen schwer zurecht kommen. Die Mitarbeitenden des Jobcenters entscheiden darüber, wer wofür Geld bekommt oder wofür sanktioniert wird – „da schwingt das Potenzial zur Aggression immer mit“, sagt Kirsten Liebchen. Das kann die Mitarbeitenden schon mal krank machen.

Um so wichtiger ist es, dass das Personal in diesen Verantwortungsbereichen die eigenen Stärken kennt, positive Emotionen für sich nutzen kann – und um den Sinn des eigenen Tuns weiß. Denn das Erleben von Sinn von Sinnhaftigkeit ist eine enorm wichtige Quelle von Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit, Glück. „Letztendlich ist unsere Behörde, glaube ich, zutiefst von Sinn erfüllt“, sagt Kirsten Liebchen: „Wir haben 30 000 Menschen hier in Osnabrück, die von der Grundsicherung leben. Wir sorgen dafür, dass diese Menschen ein Dach über den Kopf haben, sich was zu essen kaufen können, dass sie Kleidung haben, dass sie versorgt sind.“ Machen Sie also immer wieder sich selbst und den Mitarbeitenden das Wofür des eigenen Tuns mit Fragen wie diesen klar:

  • Wer hat was von unseren Produkten, unseren Angeboten, unserer Arbeit?
  • Wessen Leben machen wir damit leichter, besser, einfacher?
  • Inwiefern hat das mit meinen eigenen Werten, vielleicht sogar meinem Lebenssinn zu tun?
  • Da ja nicht jede Firma von früh bis spät die Welt retten kann: Mit welchen sozialen Aktivitäten leisten wir, individuell in der Freizeit oder kollektiv beim Weihnachtsbasar, Betriebsausflug o.ä., einen gesellschaftlichen Beitrag?

Zuviel Sinn macht hin

Und gleichzeitig wissen wir: Mehr Sinn erleben ist nicht unbedingt immer der Weg ins Glück. Eine Tätigkeit, die ich als sehr wichtig empfinde für das Wohl anderer, kann zu mangelnder Abgrenzung, zu Überlastung, zum Ausbrennen führen. Zigtausende Krankenpfleger, Lehrerinnen, Sozialarbeiter können davon ein Lied singen, die Statistiken der Krankenkassen belegen das. Achtsamkeit, mir regelmäßig Pausen gönnen, Erfolge bewusst wahrnehmen, aber auch die Verbundenheit mit den KollegInnen, das gelegentliche – pardon: Auskotzen über Anstrengungen im Job können dem Ausbrennen durch zu starke Hingabe an meine Mission, meinen Purpose entgegenwirken.

Die Pandemie ist (einerseits) gut für Positive Leadership!

Die Pandemie und ihre Folgen führen seit März 2020 in unterschiedlichsten Lebensbereichen zu radikalen Umbrüchen, Ungewissheiten und Unmut. Viele Erholungsquellen haben lange gefehlt und fehlen immer noch, der Graben zwischen Impfbefürwortern und -skeptikern wird eher größer. Ich merke, dass in diesen Zeiten Themen wie

  • Zuversicht
  • Stärkenfokus
  • der Blick auf Ressourcen
  • Sinnstiftung

, um nur ein paar wenige zu nennen, viel, viel gefragter sind. Und in diesen Themen kennen sich die Forschenden und Anwendenden der Positiven Psychologie ja schließlich aus. Auch Kirsten Liebchen erlebt das so: „Es ist für viele wieder wichtiger geworden, den Fokus auf die kleinen, schönen Dinge zu richten, die kleinen Schritte, die wir machen können – auch in schwierigen Zeiten!“ Der Erklärumweg, dass diese vermeintlich soften Skills letztendlich zu mehr Resilienz, weniger Belastung, höherer Arbeitnehmerloyalität... und schon hört mir keiner mehr zu, denn diesen Erklärumweg braucht es immer weniger. 

Und das ist gut für Positive Leadership und Positive Psychologie – einerseits. Andererseits ist die Gefahr real, dass mit der Verbreitung auch eine Verflachung einhergeht, dass Hokus-Pokus-Methoden und Anbieter derselben die Methoden und Inhalte der Positiven Psychologie verwässern.

Wenn Sie mehr wissen wollen

Hier einige Angebote von mir, wenn Sie mehr hören, lesen, wissen, erleben wollen:

🎧 Um Themen aus Positiver Psychologie und Positive Leadership dreht sich alles in meinem Podcast „Positiv Führen". (Der Podcast freut sich über Abos, Sternchen und freundliche Bewertungen auf Apple Podcasts – und ich mich gleich mit.)

💪 Die Stärken besser kennen und nützen, mit Schwächen konstruktiver umgehen, bei mir und meinen Mitarbeitern: Darum geht's demnächst in meinem neuen Audiokurs. Schon jetzt hier anmelden!

📈 Mein Gratis-E-Book „Mehr Glück im Job” samt Newsletter – hier eintragen.

🚀Mein neues nicht-kostenloses, nicht-(nur)-E-Buch "Praxisbuch Positive Leadership" (Haufe 2021) ist jetzt erhältlich – am besten beim Buchhändler des Vertrauens ordern.

🖥 Hier lang zu meinen nächsten Webinar- und anderen Terminen.

Mit positiven Grüßen aus Garmisch-Partenkirchen

Christian Thiele

P.S.: Sie machen das gut!

Haufe: Positiv führen. Stärken erkennen und nutzen.

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Christian Thiele

ÜBER DEN AUTOR

Mehr Leistung, Freude, Gesundheit und Sinn, mit den Methoden der Positive Leadership: Darum geht es mir in meiner Arbeit als Coach, Trainer, Teamentwickler und Vortragsredner. Für Führungskräfte, Teams und Organisationen. Verliebt, verlobt und bald verheiratet mit Christiane. Vater. Skitourengeher.

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