Vertrauen verstehen, verstärken, wiedergewinnen als ChefIn – Serie, Teil 1

CHRISTIAN THIELE

0  KOMMENTARE

Neulich war ich mit Theo in der Kletterhalle. Er kraxelte die Wand hoch, ich sicherte ihn. Und als seine Armmuskeln vor Anspannung zitterten, ließ er los, plumpste kurz in mein Sicherungsseil – und kletterte nach ein paar Momenten weiter. Er hatte mir vertraut.

Wenn in zwei Tagen ein wichtiger Abgabetermin für einen Bericht ansteht und Ihr Mitarbeiter im wöchentlichen Zoom-Check-in sagt: „Chefin, ich mache das morgen fertig, heute habe ich etwas dringendes zu erledigen“, und Sie nicken das ab und gehen zum nächsten Tagesordnungspunkt über – dann vertrauen Sie ihm.

Wenn ich in den Zug steige, vertraue ich Technik und Personal, wenn ich mein Kind das erste Mal alleine in die Schule lasse, vertraue ich seiner Umsicht. Schon wenn ich morgens aus dem Bett steige, um Niklas Luhmann etwas freier zu zitieren, geht das nicht ohne ein gewisses Maß an Vertrauen – sonst könnte ich gleich liegen bleiben.

In der Serie „Vertrauen verstehen und verstärken“ gebe ich Führungskräften Tipps aus der Positiven Leadership an die Hand, damit sie genauer verstehen, was Vertrauen ausmacht, wieso es so wichtig ist, wie sie es wecken und kräftigen können – und wie es wiederzugewinnen ist. In dieser Folge: Was Vertrauen eigentlich ist – und was nicht.

Was Vertrauen ist

Was ist eigentlich damit gemeint, wenn wir von „Vertrauen“ sprechen?  Der Begriff stammt vom gotischen „trauan“, das steht für „stark“, „fest“ oder „dick“. Und das passt ja auch, denn wir haben bestimmt alle schon mal erlebt, wie motiviert und kräftig wir uns fühlen, wenn uns wer vertraut. Und wie schwach und wacklig es sich anfühlt, wenn man uns kein Vertrauen schenkt...

Niklas Luhmann spricht von Vertrauen als einem „Mechanismus der Komplexitätsreduktion“, von etwas also, dass uns das Leben leichter macht. Georg Simmel sieht Vertrauen als einen Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen, als eine „Hypothese künftigen Verhaltens“ – auf die wir, wenn sie sicher genug erscheint, unser konkretes Handeln gründen. Vertrauen als die Brücke, die es uns möglich macht, unter ungewissen Umständen Neues, Unbekanntes zu wagen – diese Definition gefällt mir am besten. So ähnlich erklärt es Rachel Botsman in ihrem sehenswerten TED-Talküber Vertrauen und Technik. 

ChefInnen, die ihren Mitarbeitern in Zeiten von Home Office und Flexwork eine besonders lange Leine lassen, zeigen Vertrauen. Mitarbeiter, die ihrer Führungskraft vom nervigen Home Schooling, von den Sorgen um den Kredit und die lungenkranke Schwiegermutter erzählen, beweisen damit Vertrauen. Wenn ein Unternehmen wie etwa Google den Mitarbeitern 20 Prozent ihrer bezahlten Arbeitszeit freistellt, damit sie eigene Nebenprojekte verfolgen können: ein Vertrauensbeweis.

Denken Sie mal nach: Was heißt für Sie eigentlich Vertrauen? Wo zeigen Sie Vertrauen, wo wird Ihnen Vertrauen geschenk? Verdienen Sie das Vertrauen, das Ihnen eingeräumt wird?

Christian Thiele | positiv-fuehren.com
Vertrauen als Brücke, mit der wir in ungewissen Kontexten Unbekanntes wagen können.

Ein paar Mythen über Vertrauen

Um mal mit ein paar Mythen aufzuräumen: Häufig gilt Vertrauen als 

  • eine verstaubte preussische Sekundärtugend
  • eine magische Essenz oder Charaktereigenschaft
  • etwas Binäres, das entweder vorhanden oder nicht da ist
  • superkompliziert aufzubauen und wiederzugewinnen
  • schlechter als Kontrolle

Alles nicht so wirklich richtig und nicht so wirklich hilfreich. 

Vertrauen ist eine hochwichtige soziale Ressource, die uns gerade in Zeiten von Umbruch und Ungewissheit enorm unterstützen kann. Vertrauen lässt sich bewusst stärken, mehren, wiedererarbeiten, und zwar auch graduell und in kleinen Schritten. (Wie das geht und warum Vertrauen enorm wichtig ist für die Motivation von Mitarbeitern, das zeige ich in den nächsten Folgen dieser Serie oder in meiner aktuellen Podcastfolge.)

Ach übrigens: Bei all dem Gemeckere über die unterschiedlichen Corona-Regeln scheint die Mehrheit der Deutschen, das ergibt zumindest eine aktuelle Forsa-Umfrage, dem Staat in Zeiten der Pandemie deutlich mehr zu vertrauen als vorher. Einige Indikatoren deuten zwar darauf hin, dass Vertrauen in Firmen und andere Institutionen generell sinkt – was vielleicht auch mit der Rolle der katholischen Kirche bei der Aufdeckung von Missbrauchsfällen, mit den Fehleinschätzungen der Banken vor der Kreditkrise 2008/2009, mit der Diesel-Affäre bei Volkswagen und so weiter zu tun haben mag und ja vielleicht gar kein schlechtes Zeichen sein muss. Gleichzeitig boomen Plattformen, über die wir Dates mit anderen Menschen vereinbaren, mit denen wir Zimmer bei Unbekannten buchen und auch noch unsere Kreditkartendaten dafür hinterlegen. Manchen Websites trauen und vertrauen wir also offensichtlich mehr also so mancher Institution. 

Anzeichen von Misstrauen

Ich hatte mal einen Chef, der mich darum bat, regelmäßig die Ergebnisse unserer Meetings zusammenzufassen und aufzuschreiben. Er dann so, als ich ihm den ersten Bericht schickte: „Ich hätte das aber lieber in 12,5 Punkt Helvetica statt in Times New Roman 12 Punkt." Ein erstes Indiz für Micromanagement, dem viele weitere Misstrauensbeweise folgten. Er blieb für mich ein Helikopterchef, der Erfolg und Motivation herbeizukontrollieren versuchte – vergeblich, natürlich. Mit dem ich auf Grund mangelnden Vertrauens nie wirklich warm wurde und bei dem ich nie wirklich mein Leistungsvermögen erreichte. Kein Dokument der Welt ist jemals dadurch besser geworden, dass eine Führungskraft es von Helvetica in Times New Roman hat umändern lassen.

Als Coach und Führungskräftetrainer bekomme ich mit, wie in manchen Organisationen die Spirale des Misstrauens immer weiter getrieben wird.

  • Wachsende Reporting-Pflichten,
  • Zielvereinbarungen, Zielerreichungsboni und ähnliches,
  • permanentes CC-Gemaile
  • und alle anderen Kontrollsysteme, die Handlungsspielräume verengen statt weiten

sind schlechte Krücken aus meiner Sicht, sie zeugen von Richtlinienitis und mangelndem Vertrauen. Dabei hat Peter Drucker einst so schön formuliert:

Heute werden Unternehmen nicht mehr auf Zwang aufgebaut, sondern auf Vertrauen

Peter Drucker

Welche Vorteile hat es, wenn Sie als ChefIn mehr Vertrauen wagen, für sich, Ihre Mitarbeiter, Ihre Organisation? Und zu welchen Negativ-Folgen führt Misstrauen, für Sie selbst und für andere? Darum geht es in der nächste Folge dieser Serie.

Wenn Sie mehr wissen wollen

Hier einige Angebote von mir, wenn Sie zu positive Leadership mehr wissen, erfahren, erleben wollen:

🎧 In der aktuellen Folge meines Podcasts „Positiv Führen“ geht es um „Vertrauen verstehen und verstärken als ChefIn".

🚀 Mein Gratis-E-Book „Mehr Glück im Job” – hier eintragen.

🖥 Natürlich stehe ich für Online-Coachings zur Verfügung – meine Auftakt-Sitzungen sind kostenlos.

Mit positiven Grüßen

Christian Thiele

P.S.: Sie machen das gut!

Christian Thiele: „Positiv führen in schwieriger Zeit“ (Haufe Verlag, Mai 2020)

Sei der Erste, der den Beitrag teilt!

Christian Thiele

ÜBER DEN AUTOR

Mehr Leistung, Freude, Gesundheit und Sinn, mit den Methoden der Positive Leadership: Darum geht es mir in meiner Arbeit als Coach, Trainer, Teamentwickler und Vortragsredner. Für Führungskräfte, Teams und Organisationen. Verliebt, verlobt und bald verheiratet mit Christiane. Vater. Skitourengeher.

Das könnte Ihnen auch gefallen: 

Virtuos virtuell wirken: 5 Erfolgsstrategien für Remote Führende

Tadaaaas statt nur ToDos: Erfolgreicher mit Erfolgen umgehen

Adventskalender mit famPLUS (1/4): Für mich gut sorgen

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}
>